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Heiliger Antonius

Ich bin Atheist, aber ich wurde evangelisch getauft. Ich bin in den 60er Jahren in einer rein evangelischen Gegend aufgewachsen. Damals gab es so etwas noch. In jener Gegend gab es nur einen Gott und der war evangelisch. Ich war sehr gläubig und liebte die Kirche und die Gottesdienste und die Orgel und den Gesang und das Gebet. „Lieber Gott mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm“, war mein Abendgebet, obwohl mir nicht ganz klar war, was fromm eigentlich bedeutet.

Der Heilige Antonius

Als ich sieben Jahre alt war, zogen wir nach Köln um oder besser in ein kleines Dorf vor den Toren des heiligen, katholischen Köln. An diesem Tag wurde ich Atheist.

Es war ein aufregender Tag, denn endlich sollte ich mein eigenes Zimmer im neuen Haus bekommen und das ist für einen siebenjährigen Jungen ein wichtiges Ereignis. Als wir an einem regnerischen Novembernachmittag mit unserem VW Käfer von der Autobahn abfuhren, dämmerte es. Die lange gerade Straße führte uns vorbei an trostlosen, abgeernteten Feldern. Als wir uns dem kleinen Dorf näherten, sagte mein Vater zu meiner Schwester und mir:

„Dies ist der Ort, wo wir zukünftig leben werden.“

Ich schaute neugierig, aber enttäuscht auf eine wenig attraktive, dörfliche Idylle als ich einen Kirchturm im Novembergrau erkannte.

„Und das ist unsere Kirche“ plapperte ich, erleichtert darüber, etwas Vertrautes zu entdecken.

„Nein, das ist nicht unsere Kirche“, antwortete mein Vater, „das ist die Kirche der Katholiken.“

„Was sind Katholiken?“, fragte ich verwundert.

„Das sind Menschen, die glauben auch an Gott, nur ein bisschen anders“, entgegnete er.

Seit diesem Tag war mein Verhältnis zu Gott gestört, denn dass es Menschen geben könnte, die anders an Gott glauben, das hatte man mir nicht gesagt. Außerdem gehörte ich von dem Tag an zu einer Minderheit, denn nur fünf von 45 Kindern meiner Klasse waren evangelisch. Und die Gottesdienste in der evangelischen Kirche stellten sich als spärlich besuchte Veranstaltungen eines Hilfspfarrers in einer wenig feierlichen Baracke heraus.

Das alles ließ mich Gott gegenüber auf Distanz gehen, denn wie konnte er so etwas zulassen? Aber, da sich schließlich alles ausgleicht im Leben, lernte ich viel über die kölsche Variante des Katholizismus, denn wenn man zu einer Minderheit gehört, dann fallen einem die Unterschiede zur vorherrschenden Leitkultur deutlicher auf.

Ich wunderte mich darüber, dass Katholiken mit der Hand ein Kreuz schlagen.

Ich staunte über den Geruch von Weihrauch, der aus der katholischen Kirche wehte.

Ich erschauderte, als ich hörte, dass die Nachbarskinder regelmäßig beichten mussten, war aber erleichtert zu hören, dass man nur ein paar einfache Sünden (zum Beispiel Lügen) beichten brauchte und dann noch ein „und alle Sünden, die ich vergessen habe“ anhing, was reichte, um freigesprochen zu werden.

Praktisch.

Ich lernte, dass der kölsche Katholik feiern kann, wie kaum ein anderer. Allerdings wunderte ich mich darüber, dass ich das Cowboykostüm nur an fünf Tagen im Februar anziehen durfte und nicht an den anderen Tagen, an denen wir Cowboy- und Indianer spielte.

Ich erfuhr, dass am Aschermittwoch mit dem merkwürdigen Aschekreuz auf der Stirn meiner Mitschüler, alle Sünden der vorhergehenden Tage vergeben waren.

Sehr praktisch. Wobei mir als Kind nicht klar war, was man an Karneval eigentlich für Sünden begehen kann.

Noch praktischer waren die Heiligen.

Von Sankt Martin erfuhr ich zuerst. Der hatte seinen halben Mantel einem Frierenden geschenkt und für diese Tat wurde er 1600 Jahre später immer noch gefeiert. Bei meinem ersten, dörflichen Martinszug, spielte Herr Bollenbeck, der mindestens so dick war, wie sein Name schon klingt, auf einem Ackergaul sitzend den heiligen Sankt Martin. Ich fragte mich allerdings, was an Herrn Bollenbeck, dem der Tante-Emma-Laden im Dorf gehörte, eigentlich heilig sein sollte.  

Ich lernte, dass man sich an einen Heiligen wenden kann, wenn man ein Problem hat.

Das war außerordentlich praktisch, denn ich hatte viele Probleme.

Eines meiner immer wiederkehrenden Probleme, war (und ist es noch heute), dass ich Dinge verliere. Als Kind verlor ich vor allem Handschuhe, Mützen, Schals, Turnbeutel und all dieses Zeug. Später waren es Schlüssel, Zigaretten, Schulbücher, noch viel später Geldbörsen, Handys, Kameras oder Ferngläser.

Interessanterweise machte ich eine immer wiederkehrende Erfahrung. Ich verlor Sachen und bekam sie wieder. So auf dem Hauptbahnhof in Mailand, abends um 22 Uhr. Ich verlor mein Portemonnaie beim Umsteigen. Fahrkarte, Ausweis, Scheckkarte, Bargeld usw. alles futsch. Ich richtete mich schon auf eine unbequeme Nacht ein, als ein Polizist meinte, ich solle doch mal zur Wache gehen.

Dort lag mein Portemonnaie. Nichts fehlte.

Oder zwei Jahre später ließ ich an der Universität am Kopiergerät 500DM liegen. Am nächsten Tag ging ich zur Rezeption, fragte und erhielt mein Geld zurück.

Oder das teure kleine Fernglas, das ich bei der Abgabe eines Mietwagens in New York liegen ließ. Man rief mich freundlicherweise an und fragte, ob ich nicht etwas vermisse.

So etwas ist mir, ungelogen, hundertfach passiert.

Die Dinge kehren zu mir zurück, sagt meine Schwester.

Ich habe so viel Glück damit, dass dies unmöglich Zufall sein kann. Nach statistischer Wahrscheinlichkeit müsste diese Phase längst zu Ende sein. Ist sie aber nicht. Bis heute jedenfalls.

Wenn es aber keine wissenschaftliche Erklärung für dieses Phänom gibt, was könnte dann eine vernünftige Erklärung sein?

Nun zahlte sich endlich mein anthropologisches Studium des kölschen Katholizismus aus.

Bei den Katholiken ist der zuständige Heilige für verlorene Dinge der Heilige Antonius, an den kann man sich wenden, wenn man etwas verloren hat.

Nun habe ich nie aktiv irgendetwas vom Heiligen Antonius verlangt und trotzdem kehren die Dinge zu mir zurück. Wenn man es logisch durchdenkt, dann gibt es nur eine natürliche Erklärung dafür: Der Heilige Antonius muss mein Schutzheiliger sein. Warum er sich gerade mich ausgesucht hat, das kann ich natürlich nicht sagen, aber es ist die einzig logische, nachvollziehbare Erklärung für mein Wiederfindeglück.

Nun verschlug es mich, mehr oder weniger zufällig, nach Padua. Ich erfuhr, dass der Heilige Antonius dort in einer Kirche begraben liegt. Es ist eine sehr schöne und wichtige Wallfahrtskirche, viele Pilger besuchen dort sein Grab.

Ich war also in dieser Stadt und dachte mir, wenn ich schon da bin, könnte ich doch eine Kerze beim Heiligen Antonius anzünden, um mich für die vielen Male zu bedanken, wo er mir geholfen hat, dass die Dinge zu mir zurückkehren.

Zu meiner großen Enttäuschung ist dies nicht möglich. Also es ist schon möglich, aber nicht so, wie ich das kenne.

Das Anzünden der Kerzen ist in dieser Kirche wegen der vielen Kunstschätze (das Grab des Heiligen Antonius besitzt einen außergewöhnlich schönen Marmorfries) und der vielen Besucher die Kerzen anzünden wollen, nicht gestattet. Man kann aber draußen vor der Kirche eine Kerze kaufen und vor dem Grab des Heiligen Antonius in einen metallenen Container legen. So wie ich es verstanden habe, werden die Kerzen abends abgeholt, dann spricht ein Priester einen Zauberspruch darüber und die Kerzen sind dann wie abgebrannt. Also nicht wirklich, aber spirituell schon. Ob dieselben Kerzen dann am nächsten Tag wieder vor der Kirche verkauft werden, entzieht sich meiner Kenntnis, im Prinzip wäre das aber klug, sowohl aus spirituellen, aber auch aus ökologischen und vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. Es wäre die absolut perfekte Kreislaufwirtschaft.

Ich konnte mich aber nicht zu so einem Opfer hinreißen lassen, es widerstrebt meiner protestantischen Prägung. Wenn schon Kerze dann richtig! Ich verzichtete also darauf, mich beim Heiligen Antonius erkenntlich zu zeigen, allerdings mit der nachvollziehbaren Furcht, dass er mir das übel nehmen würde.

Jedenfalls war das die Furcht, als ich wenige Wochen später meine Aktentasche, mit einigen Dokumenten und dem Füllfederhalter meines verstorbenen Vaters mitten in Berlin auf dem Alexanderplatz liegenließ. Als ich es zu Hause feststellte, war ich traurig.

Abends saß ich vor dem Fernseher, als mich eine WhatsApp erreichte. Ein Foto zeigte meine Aktentasche und die Frage, ob sie mir gehöre?

Dem Heiligen Antonius sei Dank, die Dinge kehren immer noch zu mir zurück.

Seitdem stelle ich mir aber die Frage, ob das mit dem Heiligen Antonius vielleicht doch nicht die richtige Erklärung ist, eigentlich müsste er mir böse sein. Ich habe begonnen zu zweifeln.

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