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Wie man eine kostenlose Bahncard bekommt

Das Call-Center ist eine grauenhafte Einrichtung für jeden Kunden, der kein Standardproblem hat. Das sich diese Maschinerie einmal gegen das beauftragende Unternehmen richtet, dürfte eher selten vorkommen. Peter K. ist das allerdings passiert.

Die Bahn ist besser als ihr Ruf, meistens jedenfalls. Natürlich gibt es Verspätungen, aber bei so einem komplexen Verkehrssystem ist dies unvermeidlich. Die Züge sind weitgehend gepflegt und den schlechten Service kann der Autor nicht bestätigen. Das mag daran liegen, dass der Autor ist in einem Alter ist, wo er noch den schmuddeligen Kölner Hauptbahnhof erlebt hat, in dem er sich eine Stunde in eine Schlange stellte, um eine Fahrkarte plus Reservierung zu erwerben. War er endlich an der Reihe, musste der Schalterbeamte für die Reservierung in Frankfurt anrufen (da war meistens besetzt) und sich, wenn er nach 20 Minuten jemanden erreicht hatte, eine Platzreservierung geben lassen. Das war wirklich so! Was die Bahn also in den letzten 30 Jahren geschafft hat, ist bemerkenswert.

Der geneigte Leser merkt: der Autor mag die Bahn, nur eines mag der Autor überhaupt nicht: Abonnements.

Die Bahncard ist ein Abonnement. Hat man sich einmal zum Kauf einer Bahncard entschieden, dann bekommt man „lebenslänglich“. Läuft die alte Karte im Januar aus, bekommt man die neue Bahncard im Dezember ins Haus geschickt. Der Autor hat es sich deshalb zur Regel gemacht, das Abonnement der Bahncard, unmittelbar nach dem Erwerb zu kündigen. Er entscheidet dann, wann er die nächste Bahncard kauft.

Viele Jahre war das kein Problem. Im Jahr 2009 allerdings hat der Autor einen entscheidenden Fehler gemacht. Der Autor vergaß in der Kündigung zu erwähnen, dass diese erst zum Laufzeitende am 5.1.2010 gelten solle.

Zwei Wochen nach seiner Kündigung erhielt der Autor ein Schreiben der Bahn, dass er bitte seine Bahncard zurückschicken möge, damit ihm das Geld erstattet werden könne.

Der Autor war empört! Jetzt sollte er seine Bahncard zurückschicken (was er nicht tat) und hätte damit keine mehr. Er wandte sich in seinem Zorn an eines dieser kafkaesken Callcenter. Die Dame dort war freundlich und meinte er solle sich keine Sorgen machen, es würde einfach eine neue Karte zugesendet. Der Autor war nicht ganz zufrieden, da er glaubte, in den nächsten zwei Wochen keine ermäßigten Tickets kaufen zu können. Aber die moderne Bahn ist flexibel, denn auch dieses Problem konnte gelöst werden. Die Angestellte des Kafkaschen Schlosses (sprich die Call Center Mitarbeiterin) sorgte dafür, dass der Autor (Peter K.) sich an einem Bahnschalter erneut eine vorläufige Bahncard abholen konnte.

Soweit so gut. Zwei Wochen später fand Herr K. jedoch ein weiteres Schreiben der Deutschen Bahn in seinem Briefkasten mit dem Inhalt: Sie haben gekündigt etc.

Voller Ärger rief Herr K. im Kafkaschen Schloss an und verlangte eine Klärung: Er wolle gar nicht kündigen, er wolle nur einfach eine gültige Bahncard, das habe er schon vor vier Wochen gesagt. Die Dame im Schloss war freundlich und meinte: „Sie erhalten Ihre Bahncard auf jedem Fall, da hat die Kollegin einfach einen Fehler gemacht.“ Herr K., halbwegs beruhigt von der kompetenten Stimme der Schlossangestellten legte auf und dachte sich, „Na gut, kann ja mal passieren.“

Zirka eine Stunde später rief die Dame aus dem Schloss wieder an: „Herr K.“ sagte sie, „es ist jetzt folgende Situation: Die Buchhaltung hat Ihnen die 220 Euro für die Bahncard gestern auf Ihr Konto überwiesen. Was machen wir denn jetzt, also ich würde Ihnen ja empfehlen sich einfach eine neue Bahncard zu kaufen, aber natürlich stellen wir Ihnen auch gerne eine Bahncard mit der Gültigkeit bis 5.1.2010 aus.“ Der Herr K. verstand allmählich – Herr K. ist gelegentlich etwas begriffsstutzig – dass die Situation sich zu seinem Vorteil entwickelt hatte, weil nun seine neue Bahncard zwei Monate länger gültig sein würde.

Er war befriedigt, bedankte sich bei der Schlossangestellten für ihr Engagement und legte auf.

Tatsächlich stellte Herr K. einen Zahlungseingang von 220€ fest. Er freute sich, da er zwei Monate lang zu Bahncardtarifen gereist war, ohne eine Bahncard bezahlt zu haben.

Vielleicht glaubt der geneigte Leser das nicht, aber erst Tage später wunderte sich Herr K.: er besaß eine Plastik-Bahncard, auf der stand: „Gültig bis 5.1.2010“. Konnte er damit nicht Bahn fahren zu Bahncardpreisen?

Er kann! Herr K. hat es probiert.

Leider konnte er keine Bahnbonuspunkte mehr sammeln oder bestehende Punkte gegen 1. Klasse Tickets einlösen, aber er fuhr zum halben Preis in ganz Deutschland! Dem Schloss sei Dank!

Wie man in Kafka’s „Das Schloss“ nachgelesen werden kann, ist Herr K. aber ein aufrechter Charakter, deshalb hat er die Geschichte aufgeschrieben und zusammen mit einen Scheck über 220€ an den Bahnchef gesandt, mit der Bitte, eine legale Bahncard zu erhalten.

Nachtrag:
Herr K. erhielt einige Wochen später seinen Scheck zurück. Der begleitende Brief des Kundenservice sagte aus, dass man Herrn K. leider nicht helfen könne, er solle sich doch eine neue Bahncard am Schalter kaufen. Für die entstandenen Unannehmlichkeiten wurde eine Reisegutschein in Höhe von 40€ beigelegt.

Diese Geschichte ist – auch wenn sie sich märchenhaft anhört – kein Märchen, sondern wahr!

Eine Antwort auf „Wie man eine kostenlose Bahncard bekommt“

Was für ein schöner Gedanke, unser Lieblings-Callcenter einfach „das Schloss“ zu nennen. Chapeau, Herr K.!

P.S.
Ich habe schon Ähnliches erlebt – und bin der schrägen Kündigungsfrist von 6 Wochen vor Ablauf der Bahncard anstelle der üblichen ein oder drei Monate auf den Leim gegangen – und sage es daher nur leise: Ich mag die Deutsche Bahn auch.

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