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Herr K. sieht Ödipus

Eine Zuschauerkritik von Peter K. über die Ödipus Inszenierung in der Berliner Schaubühne mit Caroline Peters u.a.

Herr K. geht nicht jede Woche ins Theater und er ist erst recht kein Theaterkritiker, Herr K. ist ein ganz normaler Zuschauer, der sagen kann, was ihm gefällt und was nicht. Er geht nicht so häufig ins Theater, auch weil ihn Vieles bei „angesagten“ Inszenierungen abstößt. Ihn nervt, das als Stilmittel eingesetzte Geschrei auf der Bühne, vielleicht weil es ihn an das angstmachende Gebrüll seiner Kindheitsmutter erinnert.

Bei anderen Inszenierungen ärgert ihn das beliebte Umschreiben oder Ergänzen von Originaltexten, weil einige Regisseure meinen, ihren eigenen Senf dazugeben zu müssen und dabei oft so unverständlich bleiben, dass nur Eingeweihte verstehen, was gemeint ist. Zudem verbergen sich oft hinter solchen Tiefgründeleien nur Bedeutungsbanalitäten.

Herr K. ist also ein alter, weißer Mann, von dem man nun annehmen könnte, dass er „Plüsch und Plunder“ Inszenierungen liebt.
Nein, weit gefehlt, Herr K. mag es nur, wenn Kunst auch mit „Können“ zusammentrifft. Das war gestern Abend in der Schaubühne der Fall . Die Geschichte von Ödipus wurde gegeben, aber nicht die nach Sophokles. Erzählt wird derselbe Plot, aber im Hier und Heute und dabei so, dass die Handlung, also das Eintreten von unmöglichen Zufällen, vorstellbar und plausibel wird.

Diese moderne Erzählung folgt damit dem (leicht abgewandelten) Goethe’schen Gedanken, dass alles schon einmal erzählt wurde, man müsse nur versuchen, es noch einmal zu erzählen. Das tut die Autorin in genialer Art und Weise. Die Dialoge sind geschliffene Präzision. Da streiten Bruder (Robert) und Schwester (Christina) als stünden sie nicht auf der Bühne, sondern in der Küche einer Zehlendorfer Villa. Dann scheitert Christina daran eine Auseinandersetzung zwischen ihrem Bruder und ihrem Geliebten zu schlichten, weil sie zwischen den Stühlen sitzt und es hört sich so an, als hätte die Autorin bei Herrn K.s Familie mitstenografiert. Auch der Dialog der vier Protagonisten über eine geschäftliche Krise klingt,  als wäre die Autorin Senior-Consultant einer Unternehmensberatung gewesen.

So machen Text, kongeniale Schauspieler und Regie dieses Stück unerträglich lebensnah. Die Lacher von Herrn K. und den anderen Zuschauern sind Lacher der Selbsterkenntnis, die, angesichts der sich ankündigenden Katastrophe, im Halse stecken bleiben und den Puls schneller schlagen lassen. Vermutlich geht es vielen so wie Herrn K., sie haben die eigenen, weniger dramatischen Familienkatastrophen vor Auge und diese geben das Gefühl, am Geschehen teilzunehmen.

Die reale Welt ist an diesem Theaterabend nur einen winzigen Schritt entfernt.

Ganz große Kunst!

Hier geht es zur Schaubühne:

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