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Der Untergang Russlands als Self-fulfilling Prophecy

29.5.2023

Wladimir der Schreckliche, wie ich Herrn Putin in Erinnerung an einen von ihm bewunderten Vorgänger zu nennen pflege, ist ein Diktator, dem es, wie allen Diktatoren, in erster Linie um den Erhalt seiner Macht geht.

Um sich an der Macht zu halten, muss er sich aus der Werkzeugkiste der Diktatoren bedienen, um das Volk ruhig zu stellen und mögliche Konkurrenten (und davon gibt es immer viele) auf den Platz zu verweisen. Diese Regeln möchte ich kurz vorstellen, um am Schluss eine erschreckende Schlussfolgerung zu formulieren, von der ich hoffe, dass sie nie eintritt.

Das einfachste Werkzeug der Diktatoren ist:

Repression

Zu den Repressionen zählen

  • Einschränkung der Pressefreiheit, die man Volksverdummung im großen Stil nennen kann.
  • Einschüchterung von Oppositionellen durch Ämterentzug, Arbeitsverbote, erfundenen Anklagen
  • Verhaftung und Einsperren der Oppositionellen in Arbeitslager, wo sie möglichst zu Tode geschunden werden.
  • Ermordung unliebsamer Widersacher, auch im Exil, damit alle wissen, dass der lange Arm der Macht nirgendwo seine Grenzen findet.

Das und mehr (Bespitzelung, Überwachung, etc.) kann man als  Standardwerkzeuge des diktatorischen Machterhalts bezeichnen. Aber nur mit Repressionen und Angst kann sich kein Herrscher auf Dauer an der Macht halten. Dazu braucht es mehr, womit wir beim zweiten Punkt wären:

Panem et circenses

Man muss dem Volk Brot und Spiele geben. Das persönliche Wohlergehen der Bevölkerung muss sichergestellt sein. In den städtischen Zentren ist das natürlich weitaus wichtiger als auf dem Land, denn Bauernrevolten hat es nur selten gegeben. Brot und Handys und schöne Autos lieferte Wladimir der Schreckliche mit freundlicher Unterstützung des Westens dem russischen Volk. Die Olympischen Winterspiele 2014 und die Fußballweltmeisterschaft 2018 waren Teil einer Unterhaltungsstrategie, die durch professionelles, staatliches Doping unterstützt, der Bevölkerung den Stolz auf ihr Land gegeben haben.

Ein anderer Teil der Spiele war die Personality-Show von Wladimir dem Schrecklichen. Einmal jährlich veranstaltete er eine perfekt choreografierte, mehrstündige Liveveranstaltung, bei der er sich im Fernsehen den Fragen der Bürger seines Landes stellte und Probleme im Handumdrehen löste. Damit erhielt er das Image des Kümmerers, der – wenn er nur von den Problemen wüsste – jedes Problem und jede Ungerechtigkeit lösen kann.

Mit diesen beiden Regeln kann ein Tyrann die politische Opposition und das Volk auf Linie bringen. Was noch fehlt, ist die eigene Gefolgschaft einzuhegen, denn die meisten Tyrannenmörder wachsen in der Gefolgschaft des Tyrannen heran. Dazu braucht es:

Divide et impera

Der schwierigste Akt eines Diktator ist es, die eigene Gefolgschaft unter Kontrolle zu halten und dieser Drahtseilakt lautet: Teile und Herrsche.

Dabei hat das Wort ‚teile‘ in diesem Zusammenhang eine doppelte Bedeutung. Zum einen ist es natürlich wichtig, den Gewinn zu teilen. Der Diktator muss das Geld mit offenen Händen an diejenigen verteilen, die sich ihm gegenüber loyal verhalten. Ohne das geht es nicht und trifft auch auf all diejenigen zu, die sich später von dem Diktator abwenden und voller moralische Abscheu ins Exil gehen, wobei sie sich vorher natürlich ein auskömmliches Vermögen beiseite geschafft haben und im Exil angekommen, als Freunde der Freiheit gefeiert werden.

Aber die finanzielle ‚Großzügigkeit‘ des Herrschers ist nur die eine Seite des ‚Teilens‘. Der weitaus wichtigere Aspekt ist es, die Macht zu fragmentieren. Damit ist keineswegs Gewaltenteilung gemeint, sondern eine Zersplitterung der Macht in undurchschaubare Teile.

Der Weg dazu ist relativ einfach: Man schafft Doppel- und Dreifachstrukturen mit sich überschneidenden Verantwortungsbereichen und unklaren Weisungsbefugnissen und verteilt die eigene Gunst einmal hierhin und einmal dorthin. Solche Strukturen führen automatisch zu internen Machtkämpfen und so sind die Vasallen miteinander beschäftigt statt dem Tyrannen an den Kragen zu gehen. Die Vasallen halten sich mit freundlicher Unterstützung des Tyrannen gegenseitig in Schach.

Dieses Spiel beherrscht Wladimir der Schreckliche perfekt. Niemand außer ihm soll populär werden können. Immer bleibt er für Erfolge verantwortlich, weil die Vasallen sich Erfolge gegenseitig nicht gönnen und bei Misserfolgen stets mit dem Finger auf die anderen zeigen, statt auf den Herrscher aller Reußen. So werden Konkurrenten kleingehalten. Das ist das Spiel der Diktatoren.

Die Gefahr des Untergangs

Aber diese Zersplitterung der Macht hat Wladimir der Schreckliche auf die Spitze getrieben und das könnte sich zu einer dramatischen Gefahr für das russische Volk und den Rest der Welt entwickeln.

Bereits 1994 entstand in Tschetschenien die irreguläre Armee der Familie Kadyrov, die 1999 mit ungeheurer Brutalität Krieg im eigenen Land führte. 2006 wurde diese Privatarmee formal der Nationalgarde unterstellt, agiert aber unabhängig von ihr.

Im Jahr 2014 hat Wladimir der Schreckliche seinem ‚Koch‘ Prigoschin erlaubt, eine Söldnerarmee aufzustellen. Sie ist als Wagner Gruppe bekannt und gefürchtet. Gleichzeitig entstanden im Donbass Milizen, die sich als Freiheitskämpfer bezeichnen.

Der Hintergedanke von Wladimir dem Schrecklichen war es, die verschiedenen Player gegeneinander ausspielen zu können, damit keiner mächtig genug wird, um ihn zu stürzen. Zudem würde so, im Falle militärischer Erfolge, das Licht des Sieges ausschließlich auf ihn fallen.

Aber: „Kein Plan überlebt die erste Feindberührung“ schrieb Helmuth von Moltke und so geschah es auch bei der Invasion der Ukraine. Es gab keinen ruhmreichen Einzug in Kiew und Wladimir der Schreckliche hat alle Hände voll zu tun, seine Macht zu sichern. Egal ob als Zeichen der Schwäche oder aus taktischen Erwägungen entstehen immer neue Milizen. Nach neuesten Informationen hat der russische Statthalter der Krim, Sergej Aksjonow, nun seine eigne Söldnertruppe gegründet.

Nun geschieht das, was immer geschieht: „Die Geister die ich rief, die werd ich nicht mehr los.“ Es entstehen immer mehr Warlords, auch ohne Zutun von oben. So sorgte vor Kurzem eine vermutlich rechtsradikale, russische Befreiungsarmee, die von der Ukraine aus operiert, in Russland für Unruhe.

Warlords mit Privatarmeen sind eine hochexplosive Mischung, die sich auf Dauer nicht kontrollieren lassen. Sie warten auf den Tag, an dem die derzeitige russische Konstruktion zusammenbricht, um sich dann möglichst große Teile des zerbrechenden Landes unter den Nagel zu reißen. Ironischerweise könnten damit die Prophezeiungen der aktuellen Herrscherclique in Erfüllung gehen, die unterstellen, dass der Westen Russland zerstören wolle, dabei aber Ross und Reiter verwechseln.

Sollte das so eintreten, dann befürchte ich das Schlimmste. Ein untergehendes, mit Atomwaffen vollgestopftes Russland, dass von Dutzenden durchgeknallter Warlords zerfleischt wird, ist sicher die gefährlichere Alternative als ein Wladimir Putin.

Insofern hoffe ich, dass ich mich mit meiner Analyse irre und die Max Planck zugeschriebene Bemerkung, dass ‚Prognosen schwierig sind, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen‘ auch dieses Mal zutrifft. Allerdings wünsche ich mir, dass der Westen sich im Geheimen auf ein solches Szenario vorbereitet.

24.6.2023

Heute ist das eingetreten, was ich befürchtet habe. https://www.tagesschau.de/ausland/europa/prigoschin-rostow-machtkampf-100.html

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...erzählt

Herr K. und die Klimaaktivistin

Eines Tages traf Herr K. eine Klimaaktivistin.

„Die Welt ist in Gefahr“, klagte sie verzweifelt. „Diese Gesellschaft zerstört mit ihrer Ignoranz und Impertinenz die Zukunft unserer Generation. Wir jungen Leute kämpfen wirklich mit allen Mitteln, um diese Gesellschaft aufzuwecken, aber die Menschen kapieren nichts und die Verantwortlichen vertrösten, verzögern und sind zu schwach, um die notwendigen Maßnahmen einzuleiten. Es ändert sich gar nichts. Inzwischen wünsche ich mir, dass eine Diktatorin käme, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Demokratien sind nicht in der Lage die Katastrophe abzuwenden.“

Herr K. wollte der Verzweifelten etwas Hoffnung machen, aber es fiel ihm nur ein kleiner Trost ein.

„Nun, ich gebe zu, Demokratien sind tatsächlich träge“, antwortete er, „aber der Unterscheid zwischen Demokratien und Diktaturen ist immerhin der, dass Demokratien ihre Meinung ändern können.“

Wer vertieft zum Thema lesen möchte: Warum Demokratie autoritärer Herrschaft überlegen ist