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Herr K. im Drei-Sterne-Restaurant

Waren Sie schon einmal in einem Drei-Sterne-Restaurant? Nein?Ich auch nicht, bis vor ein paar Tagen. Vorher war ich ein paar Mal in Ein-Sterne-Restaurants. Das waren nachhaltige Erfahrungen. Das erste Mal war 1989 in Paris, zusammen mit einem guten, 20 Jahre älteren Freund. Weil wir beide das erste Mal in Paris waren, entschlossen wir uns, in einem Sterne-Restaurant einen Tisch zu reservieren.

Als wir abends dort ankamen, mussten wir klingeln, bevor wir eingelassen wurden. Es gab mehrere kleine Räume, die an Chambre Séparées erinnerten, recht plüschig in Beige-Tönen eingerichtet, mit Stühlen, die an die Zeit Ludwig XIV. erinnerten.

Der distinguierte Oberkellner führte uns zu unserem Tisch in einen kleinen Raum mit noch zwei oder drei weitere Tischen, rückte uns die Stühle zurecht und verschwand. Nach kurzer Zeit kehrte er mit drei Speisekarten in der Hand zurück und reichte dem Freund eine, zögerte einen Moment und gab mir dann eine andere, während er die dritte Karte wieder mitnahm.

Irgendetwas störte mich beim Lesen der Karte, aber es fiel mir zunächst nicht auf. Erst als ich meine Wahl getroffen hatte, stellte ich mit Verblüffung fest, dass die Preise fehlten. Jetzt verstanden wir! Der Herr Oberkellner hatte sich erst im letzten Augenblick entschieden, mir die Damenkarte zu reichen, deshalb sein Zögern.

Für die jüngeren Leser sei erklärt, dass eine Damenkarte eine Speisekarte ohne Preise ist, weil davon ausgegangen wird, dass der Herr bezahlt und die Dame nicht von Preisen beeinflusst werden soll. Nun, so etwas gab es im vorherigen Jahrhundert, damals nannte man es Höflichkeit, heute wird so etwas vermutlich als frauenverachtend etikettiert.

Jedenfalls mussten wir lachen und nur deshalb ist mir mein erstes Sterne-Restaurant in Erinnerung geblieben.

Ein weiteres Mal war in einem angesagten Sterne Lokal nördlich von Berlin, diesmal diskriminierungsfrei. Mit Mühe hatten wir einen Platz ergattert und freuten uns auf das Essen. Die Einrichtung war rustikal einfach, vielleicht, um die fein ziselierten Speisen besser zur Geltung zu bringen. Und wie fein ziseliert die waren! Als Vorspeise – ich erinnere mich noch recht gut – wurde uns eine vier bis fünf Zentimeter lange Schwarzwurzel gereicht. Daneben lagen, drei winzige geleeartige Würfel mit Kantenlängen von vielleicht zwei Millimetern in rot, gelb und grün und ein fünfcentgroßer Klecks Soße. Ansonsten war der Teller hübsch dekoriert und wir erhielten eine ausführliche Erklärung, über das, was wir auf dem Teller sahen. Das war auch nötig, denn leider ist mein Geschmackssinn nicht so entwickelt, dass ich in der Lage bin, den Geschmack von millimetergroßen Geleewürfeln zu erkennen. Offen gestanden habe ich nichts geschmeckt. An den Rest des Menüs habe ich keine Erinnerung, nur dass ich mich nicht gesättigt fühlte.

Nach diesen Erfahrungen war ich skeptisch gegenüber Sterne-Restaurants, bis mich vor zwei Wochen ein Freund zum Essen ins Rutz, ein Berliner Drei-Sterne-Restaurant, einladen wollte.

Nun, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, und weil ich immer neugierig und manchmal sogar bereit bin, Vorurteile zu revidieren, habe ich zugesagt, auch wenn ich offen gestanden dem Ereignis mit gemischten Gefühlen entgegenschaute. Vor zwei Tagen war es soweit. Beim Rutz angekommen wurden wir freundlich empfangen, nicht steif, nicht aufdringlich, sondern so, als wären wir bei Freunden zu Besuch. Daher fällt es auch mir hier auch schwer die Bedienung als Kellner zu bezeichnen, denn die Intimität, die sie herzustellen in der Lage sind, ist bestechend. So setzt sich einer, während er das Menü erklärt, auf die Sitzbank und zwar so, dass er ‚Standesunterschiede’ egalisiert, aber gleichzeitig genug Distanz behält, um nicht den Eindruck zu erwecken, als wolle er sich zu uns gesellen. Alle – wir werden von insgesamt acht Personen bedient – sind eloquent, schlagfertig amüsant. Sie scherzen und erlaubten sich gelegentlich sogar fein dosierte Ironie. Die Atmosphäre hat gar nichts mit diesen obersteifen Restaurants zu tun, in denen man kaum wagt, ein lautes Wort zu sprechen und alle fünf Minuten ein Kellner vorbeikommt, um nicht vorhandene oder tatsächliche Brotkrümel von der Tischdecke zu fegen. Ja, auch an unserem Tisch wurden die Brotkrümel beseitigt, aber es geschah ohne viel Aufhebens, so als sei dem Kellnerfreund während eines kurzes Gesprächs aufgefallen, dass da Krümel sind, die er ganz nebenbei wegmacht. Es herrscht also eine angenehm entspannte Atmosphäre, man merkte es auch am Geräuschpegel, der im Laufe des Abends zunimmt und an den Stammitaliener um die Ecke erinnerte, wo es immer recht locker zugeht. Nun, das Rutz als Stammlokal werde ich mir beim besten Willen nicht leisten können, aber dafür ist es auch nicht vorgesehen, denn was die Speiskarte angeht, hat man keine große Auswahl. Man muss zweieinhalb Entscheidungen treffen: Sechs oder acht Gänge, mit Weinbegleitung oder ohne und die Frage beantworten, ob man noch ein extra teures Supplement zu einem Gang haben will. Das ist es dann.

Wir wählen das volle Programm und natürlich gibt es ein Glas Champagner vorab. Offen gestanden bin ich kein großer Freund von Champagner, oft ziehe ich ein Glas Wein dem Champagner vor, aber dieser ist phantastisch.

Wir trinken also Champagner, bis uns der erste Gruß aus der Küche vor die Nase gestellt wird. Auf einem kleinen schwarzen Tablett mit ebenso schwarzen, runden Kieseln steht ein kleiner Becher mit wenigen Tropfen einer grünlichen Flüssigkeit. Daneben, auf den schwarzen Steinen liegen, hübsch aussehend, drei Getreideähren. Nun sehe ich meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Ich befürchte, dass wir die Getreideähren durch die paar Tropfen Flüssigkeit ziehen und dann mit Haut und Haaren essen sollen.

Vorurteile stellen sich bekanntermaßen oft als falsch heraus, so auch in diesem Fall. Die grünen Tropfen werden mit einer weiteren, klaren Flüssigkeit gemischt und das ist dann das Amuse gueule. Erleichtert trinken wir die ungewöhnlich aromatische Flüssigkeit.

Nach dem ersten Gruß aus der Küche folgen zwei weitere. Ist der Erste ein „Grüß Gott“, wird der Zweite zu einem „Guten Tag, wir freuen uns, Sie begrüßen zu dürfen“ und der Dritte lässt sich nicht mehr angemessen formulieren. Die Komplexität nimmt von Mal zu Mal zu, nicht nur bei den Küchengrüßen, sondern auch als es ‚richtig‘ losgeht. So werden aus acht Gängen insgesamt dreizehn, einer köstlicher als der andere, unglaublich aufwändig, mit Finessen, die selbst ein ambitionierter Hobbykoch wie ich keinesfalls hinbekommt. Ein Beispiel: Eine Komponente einer Kreation sind frische Erbsen. Die sind geschält. Nein, nicht was jeder jetzt denkt: „Ist doch klar, die Erbsen werden aus der harten Schale gepult.“ Nein, von den einzelnen, kleinen, runden Erbsen ist die etwas härtere Außenhaut entfernt worden, so das sie eine einzigartige Cremigkeit bekommen.

Zehn Gänge später vermuten wir schon das Ende des Menüs, als uns ein köstliches Sorbet serviert wird, aber wir stellen bald fest, dass es sich dabei nur‘ um das Vordessert handelt, und nach dem Hauptdessert kommt natürlich noch ein Nachdessert. So erklären sich, für alle die mitgezählt haben, die dreizehn Gänge.

Ich erspare dem Leser die Beschreibung dessen, was wir gegessen haben, das können Gastrokritiker viel besser, auch wenn diese Beschreibungen auf mich entsetzlich geschwollen wirken. Ebenso erspare ich dem geneigten Leser den Versuch, die Weine zu beschreiben, die wir zu den Kompositionen erhielten, aber ich muss festhalten, dass die Weine jedes Gericht noch etwas anheben. Es wirkt wie ein kleines Wunder.

Ich kann nicht ausschließen, dass sich dieser überaus positive Eindruck aus dem Essen und den Getränken, aber genauso wichtig, dem ganzen Drumherum, dem Ambiente, dem angenehmen Personal und nicht zuletzt dem exorbitanten Preis dieses Abends zusammensetzt, schließlich wissen wir, dass Psychologie ein wesentlichen Bestandteil eines Qualitätseindrucks ist.

Apropos Preis.

Ja, der ist exorbitant. Ja, es ist dekadent, soviel Geld für ein Abendessen auszugeben. Ja, ein wenig schäme ich mich auch, aber ist es nicht viel schämenswerter für ein Auto 100.000€ zu bezahlen, dazu monatlich nochmal 500€ für den Betrieb, es aber maximal 45 Minuten am Tag zu nutzen?

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Der alte, weiße Mann und die Hippster

Ich bin ein alter, weißer Mann und lebe in Berlin. Berlin gilt international als hippste Stadt der Welt, wobei ich sagen muss, dass wir zwar in Berlin, aber in einem Stadtteil leben, bei dem die Einwohner das Wort ‚hipp‘ nur als Marke für Babynahrung oder aus dem Sprachgebrauch ihren pubertierenden Enkelkindern kennen. Mit anderen Worten: Wir leben in einem wohlsituierten, ruhigen, freundlichen und unaufgeregten Kiez, der mit zwei U-Bahnlinien gesegnet, am Rand der sogenannten Innenstadt liegt, nicht zentral, aber auch nicht am Ursch der Welt.

Weil unsere Wohnung renoviert wird, müssen wir für mehr als drei Wochen ins Exil und finden eine Bleibe in Mitte. Ich rede nicht vom Bezirk Mitte, wo es in Moabit, Wedding oder Tiergarten ähnlich verschnarchte Stadtteile gibt, wie den unsrigen. Nein, ich rede von richtig Mitte, Mitten in Mitte sozusagen. Rosenthaler Platz. Mehr Mitte geht nicht.

Nach drei Wochen Aufenthalt kann ich jetzt erklären, was ‚hipp‘ bedeutet.

Fangen wir mit dem Positiven an. Es ist wunderbar morgens aus dem Haus zu gehen und direkt ins nächste Café zu fallen, wo einem ein exzellenter Cappuccino zubereitet wird. Zwar steht man sich bei der Bestellung gelegentlich die Beine in den Bauch, weil zwei Hippster vor einem darüber beraten müssen, ob sie den Cappuccino lieber mit Mandel- oder mit Hafermilch trinken wollen und ob die angebotenen Croissants ohne Butter zubereitet sind und sie die tatsächlich essen dürfen, aber das liegt wahrscheinlich daran, dass ich ein alter weißer Mann bin und die altmodische Vorstellung habe, dass einem der Kaffee am Tisch serviert wird. Als Entschädigung für die lange Wartezeit wird man mit dem Anblick vieler junger, attraktiver Menschen belohnt und ich meine das überhaupt nicht sexistisch, es ist nur so ein krasser Gegensatz zu unserem Kiez und zudem ist es außerdem beruhigend, wenn ich an meine zukünftige Rente denke.

Nachdem ich also lange stehend auf die Bestellung und Zubereitung des Kaffees gewartet habe und mir ein Kopfschütteln einhandelte, weil ich um Zucker für den Kaffee gebeten habe, macht es Spaß dort zu sitzen und das blühende Leben an sich vorbeiziehen zu lassen. Es ist besser als jedes Fernsehprogramm. Man sieht schöne Menschen und weniger schöne, dicke und dünne, große und kleine, gepflegte und ungepflegte, aber alle, ausnahmslos alle strotzen vor Selbstbewusstsein. Sie sind sich sicher, dass ihnen die Zukunft gehört. Sie strahlen ungeheure Kraft und Energie aus und wollen die Welt verändern. Das die Veränderung vermutlich anders ausgehen wird, als sie heute erwarten, ist eine Erfahrung, die ich als alter, weißer Mann schon hinter mir habe.

Nach einer Weile stehe ich auf, schlendere durch die Straßen und komme aus dem Staunen nicht heraus. Ich wusste gar nicht, was es alles für ‚hippe‘ Sachen gibt. Ein schicker Laden reiht sich an den Nächsten. Feinste Modegeschäfte findet sich neben Galerien, Einrichtungsaccessoires findet man neben dem Hutgeschäft und der Laden für Sneakers (althochdeutsch: Turnschuh) liegt neben dem Laden der teuren Billigschnickschnack verkauft.

Apropos Sneaker, in einem solchen Geschäft erfahre ich Dinge über Turnschuhe, die ich bis dahin nicht wusste. Ich habe den jungen Verkäufer offen gesagt, nicht wirklich verstanden als er mit den vielen Fremdwörtern um sich warf, ich habe aber gelernt, dass ein Turnschuh nicht zum Laufen gedacht ist, sondern als Kapitalanlage. Im Ernst! Er erklärt, dass manche Schuhe schon nach kurze Zeit im Internet zu weitaus höheren Preisen gehandelt werden. Wichtig sei aber, dass die Schuhe nicht getragen sind und dass der Karton, sowie das Einwickelpapier(!) unbeschädigt sei. Das erinnert irgendwie an die Tulpenzwiebelkrise im 17. Jahrhundert. Wie dem auch sei, dieses Mal ist sicher alles anders, denn dann verrät der Verkäufer mir ein Geheimnis. Er klingt dabei so, wie früher in der DDR, wenn die Verkäufer ‚Bückware‘ aus dem Versteck hervorholten und hinter vorgehaltener Hand flüsterten: ‘Ich habe hier noch etwas Besonderes für Sie.‘ Das Besondere in diesem Fall: ein Turnschuh, von dem jeder Laden nur 15 Exemplare bekommt. Ganz exklusiv und streng limitiert. „Der steigt im Wert sicher sehr bald“, meint er.

Tatsächlich gefällt mir der Schuh gut und trägt sich auch ein wenig besser, als die gewöhnlichen, unlimitierten Sneaker, also entscheide ich mich für den Kauf. Als ich meine, ich würde die Schuhe direkt anlassen und er solle die alten einpacken, bekommt er einen entsetzten Gesichtsausdruck und stottert: „Aber draußen regnet es!“

Bei mir stellt sich ein Gefühl ein, als wäre ich als alter weißer Mann auf der Mädchentoilette eines Gymnasiums erwischt worden, entschuldige mich beschämt und lasse mir die neuen Schuhe einpacken.

Ich laufe weiter und mir fällt ein, dass ich noch ein paar Lebensmittel brauche. Naiv, wie ich bin, denke ich, dass sicher gleich ein Lebensmittelgeschäft auftauchen wird. Nachdem ich aber mehrere gefühlte Kilometer später immer noch keines gefunden hatte, frage ich eine einheimische Passantin. Sie erklärt mir, dass es da einen Rewe am Hackeschen Markt gebe. Ich laufe und laufe und finde ihn nicht, weil er nicht am Hackeschen Markt, sondern auf der anderen Seite der S-Bahn liegt, was nicht mehr Hackescher Markt ist. Aber gut.

Der Laden ist gedrängt voll und überraschend klein. Vermutlich brauchen die vielen jungen Leute, die hier wohnen, keine Lebensmittel einkaufen, denn es gibt wirklich massenweise Restaurants und Cafés, wobei sich manchem vielleicht die Frage stellt, wie sich die jungen Leute während des Corona-Lockdowns ernährt haben. Die Antwort ist einfach und fällt in Berlins Mitte-Mitte sofort ins Auge. Es gibt unendlich viele Fahrradboten für Essen auf Rädern. Gelegentlich stehen diese Boten von Wolt oder Lieferando oder Uber-Eats Schlange vor den Restaurants und auffallend ist, dass es sich beim größten Teil diesen Boten um Geflüchtete zu handeln scheint. Ich bewundere den Fleiß und die Energie dieser Menschen, die von einem besseren Leben träumen und die den vielen jungen, hippen Essensbestellern das Leben bequem machen, aber es riecht für meinen Geschmack unglaublich nach Ausbeutung. Vielleicht sollte man darauf mal aufmerksam machen.

Die Fahrräder der vermuteten Essensboten sind übrigens meistens Swapfiets, das sind Fährräder mit blauen Vorderreifen. Die sieht man massenhaft in Mitte-Mitte. Man kauft sich heute kein Fahrrad mehr wie ….sie wissen schon….sondern mietet es sich. Also nicht stundenweise, wie ich das auch gelegentlich mache, sondern monatsweise oder für ein Jahr. Wenn das Fahrrad einen Platten hat oder gestohlen wird, dann bekommt man noch am selben Tag ein anderes identisches Fahrrad in die Hand gedrückt. Praktisch. Besitz ist einfach lästig, außer bei Klamotten natürlich, die braucht man schließlich für Abends.

Abends ist es am Schönsten in Berlins Mitte-Mitte. Am Rosenthaler Platz endet unter anderem der Weinbergweg, die Verlängerung der berühmten Kastanienallee und das ist, man kann es nicht anders sagen, ein Laufsteg der Eitelkeiten.

Alle sind aufgebrezelt. Junge Männer tragen Jogginghosen, zerrissene oder unzerrissene Jeans, bonbonfarbene Anzüge oder Wickelröcke. Viele tragen das, was sie für einen Vollbart halten.

Frauen tragen Kleider, Röcke, Hosen, sind mehr oder weniger geschminkt und tragen auffallend wenig Schmuck, weil der, bei soviel Attraktivität der Person, nicht nötig ist. Jeder Zweite ist tätowiert, womit auch die Frauen gemeint sind, aber die gendergerechte Form von ‚jeder‘ ist mir nicht bekannt. Aus der Masse der Tattoos auf Armen, Beinen, Rücken, Schultern oder zunehmend auch Händen, Hälsen und Gesichtern ragt ein Exemplar besonders hervor: ein kahlrasierter, junger Mann hat sich, vielleicht in weiser Voraussicht, eine einzelne Haarsträhne auf den vorderen Kopfteil tätowieren lassen. Noch wirkt das witzig.

Vor zirka dreißig Jahren hat diese Tattoo-Epidemie begonnen, hat sich immer weiter ausgebreitet und ist zu mehr und mehr Scheußlichkeit mutiert. Insofern hat es Ähnlichkeit mit dem Corona Virus, nur dass es dagegen keine Impfung gibt und wenn es sie gäbe, ist es die Frage ob die Stiko eine Impfung für unter 20 Jährige empfehlen würde. Gut, ich will mich nicht dauernd wiederholen, aber hoffe trotzdem, dass diese Mode, wie jede andere Mode eines Tages verschwinden wird.

Wir suchen ein Restaurant, fragen nach einem Tisch und unsere Frage wird uns selbstverständlich auf Englisch beantwortet. Immerhin hat die Kellnerin die deutsch gestellte Frage verstanden! Gut, dass wir, vice versa, des Englischen einigermaßen mächtig sind, so dass wir uns setzen und das Treiben beobachten können. Neben uns sitzt ein junges Pärchen im Krisenmodus. Sie weint. Hinter uns zwei attraktive junge Frauen, die sich über vegane Ernährung unterhalten und nach kurzer Zeit mit zwei jungen Männern am Nachbartisch ins Gespräch kommen. Ein paar Tische weiter sitzt eine italienische Touristenfamilie, die das Leben auf Berlins Straßen bestaunen, wie wir, wenn wir Abends auf einer italienischen Piazza sitzen. Vor uns radelt alle 30 Sekunden ein Wolt oder Lieferandobote vorbei und das geht stundenlang so. Nach zwei Stunden sind wir erschöpft und gehen zu unserer Schlafstätte. In unserem Alter wird man gegen 23 Uhr müde, während das Publikum hier gerade erst aufwacht. Es ist Wochenende, kein Wunder. Wir schlafen ein. Um halb zwei werden wir von lauter Partymusik wach. Da alle Clubs geschlossen sind, hat man die Party kurzerhand ins Hinterhaus verlegt. Die Musik ist so laut, dass wir uns entschließen aufzustehen und durch die Stadt zu laufen. Es ist immer noch voll auf den Straßen, überall wird Bier getrunken. Flaschenscherben knirschen unter unseren Füßen. Ein Betrunkener läuft laut grölend an uns vorbei, er schafft es locker die vollbesetzte, vorbeifahrende Straßenbahn zu übertönen. Ein Flaschensammler macht um diese Uhrzeit das Geschäft seines Lebens, er hat sich einen großen Einkaufswagen organisiert und sammelt hunderte von leeren, liegengebliebenen Pfandflaschen ein. Als wir um vier Uhr zu unserer Schlafstätte zurückkehren, steht ein Mann im Hauseingang und pinkelt, irgendwo muss das Bier schließlich hin.

Die Musik hat aufgehört. Wir können schlafen.

Wir freuen uns darauf, wieder in unseren spießigen Kiez zurückzukehren, den mit lauter alten …. Ach, sie wissen schon.

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Neapel sehen und staunen

Wenn man Neapel hört, dann denken viele an Mafia, Verbrechen, Morde, Diebstahl, Betrügereien, Berge von Abfall, chaotischer Verkehr, natürlich an den Vesuv und Pompeij.

Manche denken auch an das Blutwunder des San Genaro, eines Märtyrers des 4. Jahrhunderts, dessen Blut in einer Ampulle aufbewahrt wird und das sich zweimal im Jahr verflüssigt, es sei denn der Stadt steht ein Vulkanausbruch, ein Erdbeben oder eine andere Katastrophe bevor. Das Schönste an Vorurteilen ist die Überraschung, wenn Vorurteile sich in Luft auflösen, wenn man feststellt, dass vielleicht in allem ein Körnchen Wahrheit steckt, dass aber die Lebenswirklichkeit meisten sehr viel differenzierter ist als die Vorurteile annehmen. Das gilt für Flüchtlingen genauso wie für Städte. Ja, die Stadt ist Weltkulturerbe und bei einem Weltkulturerbe besteht die große Gefahr, dass es völlig von Touristen überrannt wird und die eigentliche Stadt, das Gewusel und das Alltägliche vom Touristennepp verdrängt wird. Von dieser Gefahr ist Neapel als Großstadt auch in der Hauptsaison gefeit, wir genießen aber wieder einmal die Vorteile der Vorsaison, eine Woche im Februar, der wir dem grauen, schmuddeligen Berliner Wetter entfliehen und in einem wunderbaren Vorfrühling ankommen. Die Museen sind leer, die Hotels preiswert, die Kellner freundlich und es ist kein Problem einen Platz in einem Restaurant zu bekommen. Und dort, in einem Restaurant wird dann doch ein Vorurteil bestätigt, das wir als Vorurteil abgetan haben. Ein Gitarrenspieler kommt herein und spielt neapolitanische Lieder und irgendwann beginnen einige der Gäste mitzusingen. Laut, mit großer Stimme und es gibt Applaus. Musik ist überall in der Stadt zu hören. Wir besichtigen die Stadt. Vor dem beeindruckenden Königspalast wird gerade die neue Metro gebaut. Durch die Bauzäune werden wir auf das Konzept der neapolitanische Metro aufmerksam. Die bedeutendsten Architekten der Welt schaffen die Bahnhöfe, die teilweise tief in der Erde liegen. Soweit, so gut. Aber da diese Metro die schönste der Welt werden soll, wurden und werden für jede Station die bedeutendsten Künstler der Welt gebeten, diese mit Kunst auszustatten. William Kentridge und Rebecca Horn sind nur zwei Namen dieser illustren Gesellschaft. In der bereits bestehenden Station Toledo kommen wir am nächsten Tag aus dem Staunen nicht heraus. Tief unter der Erde liegt der Bahnhof, sicher 40 oder 50 Meter tief. Wir fahren auf langen Rolltreppen von unten nach oben. Ganz unten sind die mosaikartigen Fliesen dunkelblau und je höher wir kommen, desto mehr mischen sich hellblaue und weiße darunter. Symbolisch steigen wir vom Meeresgrund auf zur Meeresoberfläche, bevor die Brandung sich am Felsen bricht und die Fliesen die Farbe des Gesteins annehmen und schließlich in einem Mosaik von William Kentridge enden, das an die römischen Mosaike in Pompeij erinnert. Ebenso staunten wir ein paar Tage später an der Stazione Centrale, wo uns ein wohlinszeniertes Rolltreppengewirr, durch dezente Spiegelungen verstärkt, in 40 oder 50 Meter Tiefe führt. Noch etwas fällt uns auf, etwas, was in unseren Breitengraden nahezu verschwunden ist: Die große Bedeutung der Religion. In einer Kirche treffen wir auf eine Prozession der Tempelritter, 50 oder 60 Frauen und Männer, alle in einer weißen Kutte mit rotem Kreuz auf Brust und Rücken, ziehen von dort ernst durch die Stadt. Faszinierend fremde Vergangenheit. Aber nicht nur diese Ritter zeigen das, gefühlt steht alle 50 Meter eine Kirche, unmöglich alle zu besuchen. In den Beichtstühlen der Kirchen warten Priester auf Menschen, die die Beichte ablegen wollen und Menschen kommen und knien davor und beichten. Alte, Junge, Männer, Frauen.
Bei uns ist der Beichtstuhl durch den Psychotherapeuten ersetzt worden, vielleicht aber diente die Beichte jahrhundertelang genau demselben Wunsch sich auszusprechen, die eigenen Sorgen loszuwerden. Das können wir zum Beispiel in der Kirche Gesu Nuovo erleben, eine Barockkirche, die mit seiner goldenen Pracht nicht so unserm Geschmack entspricht, aber die Fresken in der Kirche sind überwältigend schön. Wir ahnen nicht, dass wir in den nächsten Tagen von einer Inflation von Fresken überrollen werden, eine schöner als die andere. Die Fresken strahlen in leuchtenden Farben und von dem Moment an, bleibt uns im wahrsten Sinne des Wortes der Mund offen stehen, weil wir aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Die Kirchen, die Museen, die Klöster, die Gärten, die Fassaden, die Palazzi, die Plätze, die Monumente beeindrucken durch künstlerischer Qualität, sogar die Straßenkunst machen einem Banksy Konkurrenz, auch wenn diese Künstler hier nicht weltberühmt sind und vermutlich ein bescheidenes Leben fristen.  Sie sind aber nicht weniger kreativ, nur hat sie der international, gefräßige Kapitalismus noch nicht in die höchsten, finanziellen Höhen gehypt. Das mag auch daran liegen, dass sie nicht mit Bedeutung geschwängert daherkommt, sondern mit Witz. Feine Ironie ist selten ein Kassenschlager. 

Ein Beispiel dafür sind die großformatigen Fotos, die im archäologischen Museum hängen. Es sind neapolitanische Straßenszenen, in die aber die berühmten Plastiken des Museum hineinmontiert wurden. Man sieht Aphrodite mit Plastiktüten voller Lebensmittel im Gespräch mit dem Gemüsehändler oder eine halbnackte Nymphe vor der Stadtkulisse von Neapel ein Selfie machend oder ein junger Mann mit Bart, der in der vollen U-Bahn inmitten der anderen Fahrgäste steht und sich an der Haltestange festhält. Diese und viele andere Fotomontagen hängen zwischen den Originalstatuen und lassen uns laut auflachen.
Neapel ist jedenfalls eine Stadt vollgestopft mit Kunst aus 2500 Jahren, Kunst in Hülle und Fülle, überall und unübersehbar. Die Kirchen quellen über, nicht nur von Fresken, sondern von Plastiken aus Marmor, Terrakotta, Bronze von unvorstellbarer Schönheit. Vor der die Sant’Anna dei Lombardi werden wir von einem Mitarbeiter angesprochen und gedrängt in die Kirche zu kommen. Obwohl wir erschöpft sind, entschließen wir uns hineinzugehen und wieder bleibt uns der Mund offen stehen. Ein Marmoraltar mit der Geburt Christi, gekrönt von einer Schar von Engeln, darüber halten drei Putten eine marmorne Blumengirlande. Das Ganze vielleicht zwei, drei Meter hoch. Das Besondere aber sind die jubilierenden Engel. Vielleicht 20 Engel tanzen vor Freude über der Krippe. Sie sind gerade mal 10 oder 15 cm hoch. Ihre Gewänder haben einen außergewöhnlich starken Faltenwurf im Miniaturformat und wir fragen uns, wie man so fein arbeiten kann. Auch die vielleicht 30 cm hohen Putten strahlen eine Natürlichkeit aus, die uns ungewöhnlich erscheint, aber dabei bleibt es nicht, in jeder Seitenkapelle finden wir kleine Wunder bis uns schließlich die Sakristei erschlägt, ein überaus prachtvoller Saal mit wertvolle Holzintarsien und Fresken von Vasari.Am Beeindruckendsten ist jedoch eine lebensgroße Figurengruppe aus Terrakotta. Es handelt sich um die Beweinung Christi.

Die Beweinung Christi

Der Leichnam von Jesus Christus liegt auf dem Boden und um ihn herum sind sieben Figuren gruppiert, vier Frauen, drei Männer, vom Leid gezeichnet, kniend, weinend, sich über den Leichnam beugend, mitten in der Bewegung. Es ist eine Szene tiefer, ergreifender, menschlicher Trauer, unvergänglich, zeitlos, berührend. Ebenso bewegend ist eine Figurengruppe, die wir am nächsten Tag im archäologischen Museum sehen.  Sie, 1500 Jahre früher entstanden, zeigt das Leid des Krieges.  Vor uns liegen vier marmorne Krieger, nein genauer, eine Kriegerin und drei Krieger. Die Amazone und ein Krieger liegen tot auf dem Rücken, die Schwerter sind ihnen aus der Hand gefallen, der dritte, auf der Seite liegend, wirkt als wäre er in der Zwischenwelt zwischen Leben und Tod. Der Vierte von einer schweren, nicht mehr vorhandenen Lanze in den Rücken getroffen, sinkt gerade zu Tode verwundet nieder.

Vier Krieger

Am meisten beeindruckt uns aber die dritte gleichartige Szene, eine Szene weniger Kunst als vielmehr grausame Wirklichkeit. In Herculaneum besuchen wir die Ruinen der römischen Stadt. Heute liegen die Ruinen vielleicht einen Kilometer vom Meer entfernt. Als der Vesuv ausbrach im Jahr 79, lagen die letzten Häuser aber direkt am Strand. Dort befinden sich fünf große gemauerte Nischen, vielleicht waren es Bootshäuser oder Lagerräume oder so etwas. Ihre Öffnungen weisen in Richtung des Meeres, dessen Wellen dort an den Strand schlugen. In diesen Nischen sehen wir Gebeine, mal zwölf, mal zwanzig Schädel zählen wir. Hierhin hatten sie sich vor der heranströmenden Lava geflüchtet, an einen Ort, den auch ich gewählt hätte, darauf hoffend, hier geschützt zu sein. 2000 Jahre später stehen wir bewegt vor ihnen und betrachten sie, im Moment ihres Todes.Es ist diese Vielschichtigkeit, die uns an Neapel so fasziniert.