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Herr K. im Drei-Sterne-Restaurant

Waren Sie schon einmal in einem Drei-Sterne-Restaurant? Nein?Ich auch nicht, bis vor ein paar Tagen. Vorher war ich ein paar Mal in Ein-Sterne-Restaurants. Das waren nachhaltige Erfahrungen. Das erste Mal war 1989 in Paris, zusammen mit einem guten, 20 Jahre älteren Freund. Weil wir beide das erste Mal in Paris waren, entschlossen wir uns, in einem Sterne-Restaurant einen Tisch zu reservieren.

Als wir abends dort ankamen, mussten wir klingeln, bevor wir eingelassen wurden. Es gab mehrere kleine Räume, die an Chambre Séparées erinnerten, recht plüschig in Beige-Tönen eingerichtet, mit Stühlen, die an die Zeit Ludwig XIV. erinnerten.

Der distinguierte Oberkellner führte uns zu unserem Tisch in einen kleinen Raum mit noch zwei oder drei weitere Tischen, rückte uns die Stühle zurecht und verschwand. Nach kurzer Zeit kehrte er mit drei Speisekarten in der Hand zurück und reichte dem Freund eine, zögerte einen Moment und gab mir dann eine andere, während er die dritte Karte wieder mitnahm.

Irgendetwas störte mich beim Lesen der Karte, aber es fiel mir zunächst nicht auf. Erst als ich meine Wahl getroffen hatte, stellte ich mit Verblüffung fest, dass die Preise fehlten. Jetzt verstanden wir! Der Herr Oberkellner hatte sich erst im letzten Augenblick entschieden, mir die Damenkarte zu reichen, deshalb sein Zögern.

Für die jüngeren Leser sei erklärt, dass eine Damenkarte eine Speisekarte ohne Preise ist, weil davon ausgegangen wird, dass der Herr bezahlt und die Dame nicht von Preisen beeinflusst werden soll. Nun, so etwas gab es im vorherigen Jahrhundert, damals nannte man es Höflichkeit, heute wird so etwas vermutlich als frauenverachtend etikettiert.

Jedenfalls mussten wir lachen und nur deshalb ist mir mein erstes Sterne-Restaurant in Erinnerung geblieben.

Ein weiteres Mal war in einem angesagten Sterne Lokal nördlich von Berlin, diesmal diskriminierungsfrei. Mit Mühe hatten wir einen Platz ergattert und freuten uns auf das Essen. Die Einrichtung war rustikal einfach, vielleicht, um die fein ziselierten Speisen besser zur Geltung zu bringen. Und wie fein ziseliert die waren! Als Vorspeise – ich erinnere mich noch recht gut – wurde uns eine vier bis fünf Zentimeter lange Schwarzwurzel gereicht. Daneben lagen, drei winzige geleeartige Würfel mit Kantenlängen von vielleicht zwei Millimetern in rot, gelb und grün und ein fünfcentgroßer Klecks Soße. Ansonsten war der Teller hübsch dekoriert und wir erhielten eine ausführliche Erklärung, über das, was wir auf dem Teller sahen. Das war auch nötig, denn leider ist mein Geschmackssinn nicht so entwickelt, dass ich in der Lage bin, den Geschmack von millimetergroßen Geleewürfeln zu erkennen. Offen gestanden habe ich nichts geschmeckt. An den Rest des Menüs habe ich keine Erinnerung, nur dass ich mich nicht gesättigt fühlte.

Nach diesen Erfahrungen war ich skeptisch gegenüber Sterne-Restaurants, bis mich vor zwei Wochen ein Freund zum Essen ins Rutz, ein Berliner Drei-Sterne-Restaurant, einladen wollte.

Nun, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, und weil ich immer neugierig und manchmal sogar bereit bin, Vorurteile zu revidieren, habe ich zugesagt, auch wenn ich offen gestanden dem Ereignis mit gemischten Gefühlen entgegenschaute. Vor zwei Tagen war es soweit. Beim Rutz angekommen wurden wir freundlich empfangen, nicht steif, nicht aufdringlich, sondern so, als wären wir bei Freunden zu Besuch. Daher fällt es auch mir hier auch schwer die Bedienung als Kellner zu bezeichnen, denn die Intimität, die sie herzustellen in der Lage sind, ist bestechend. So setzt sich einer, während er das Menü erklärt, auf die Sitzbank und zwar so, dass er ‚Standesunterschiede’ egalisiert, aber gleichzeitig genug Distanz behält, um nicht den Eindruck zu erwecken, als wolle er sich zu uns gesellen. Alle – wir werden von insgesamt acht Personen bedient – sind eloquent, schlagfertig amüsant. Sie scherzen und erlaubten sich gelegentlich sogar fein dosierte Ironie. Die Atmosphäre hat gar nichts mit diesen obersteifen Restaurants zu tun, in denen man kaum wagt, ein lautes Wort zu sprechen und alle fünf Minuten ein Kellner vorbeikommt, um nicht vorhandene oder tatsächliche Brotkrümel von der Tischdecke zu fegen. Ja, auch an unserem Tisch wurden die Brotkrümel beseitigt, aber es geschah ohne viel Aufhebens, so als sei dem Kellnerfreund während eines kurzes Gesprächs aufgefallen, dass da Krümel sind, die er ganz nebenbei wegmacht. Es herrscht also eine angenehm entspannte Atmosphäre, man merkte es auch am Geräuschpegel, der im Laufe des Abends zunimmt und an den Stammitaliener um die Ecke erinnerte, wo es immer recht locker zugeht. Nun, das Rutz als Stammlokal werde ich mir beim besten Willen nicht leisten können, aber dafür ist es auch nicht vorgesehen, denn was die Speiskarte angeht, hat man keine große Auswahl. Man muss zweieinhalb Entscheidungen treffen: Sechs oder acht Gänge, mit Weinbegleitung oder ohne und die Frage beantworten, ob man noch ein extra teures Supplement zu einem Gang haben will. Das ist es dann.

Wir wählen das volle Programm und natürlich gibt es ein Glas Champagner vorab. Offen gestanden bin ich kein großer Freund von Champagner, oft ziehe ich ein Glas Wein dem Champagner vor, aber dieser ist phantastisch.

Wir trinken also Champagner, bis uns der erste Gruß aus der Küche vor die Nase gestellt wird. Auf einem kleinen schwarzen Tablett mit ebenso schwarzen, runden Kieseln steht ein kleiner Becher mit wenigen Tropfen einer grünlichen Flüssigkeit. Daneben, auf den schwarzen Steinen liegen, hübsch aussehend, drei Getreideähren. Nun sehe ich meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Ich befürchte, dass wir die Getreideähren durch die paar Tropfen Flüssigkeit ziehen und dann mit Haut und Haaren essen sollen.

Vorurteile stellen sich bekanntermaßen oft als falsch heraus, so auch in diesem Fall. Die grünen Tropfen werden mit einer weiteren, klaren Flüssigkeit gemischt und das ist dann das Amuse gueule. Erleichtert trinken wir die ungewöhnlich aromatische Flüssigkeit.

Nach dem ersten Gruß aus der Küche folgen zwei weitere. Ist der Erste ein „Grüß Gott“, wird der Zweite zu einem „Guten Tag, wir freuen uns, Sie begrüßen zu dürfen“ und der Dritte lässt sich nicht mehr angemessen formulieren. Die Komplexität nimmt von Mal zu Mal zu, nicht nur bei den Küchengrüßen, sondern auch als es ‚richtig‘ losgeht. So werden aus acht Gängen insgesamt dreizehn, einer köstlicher als der andere, unglaublich aufwändig, mit Finessen, die selbst ein ambitionierter Hobbykoch wie ich keinesfalls hinbekommt. Ein Beispiel: Eine Komponente einer Kreation sind frische Erbsen. Die sind geschält. Nein, nicht was jeder jetzt denkt: „Ist doch klar, die Erbsen werden aus der harten Schale gepult.“ Nein, von den einzelnen, kleinen, runden Erbsen ist die etwas härtere Außenhaut entfernt worden, so das sie eine einzigartige Cremigkeit bekommen.

Zehn Gänge später vermuten wir schon das Ende des Menüs, als uns ein köstliches Sorbet serviert wird, aber wir stellen bald fest, dass es sich dabei nur‘ um das Vordessert handelt, und nach dem Hauptdessert kommt natürlich noch ein Nachdessert. So erklären sich, für alle die mitgezählt haben, die dreizehn Gänge.

Ich erspare dem Leser die Beschreibung dessen, was wir gegessen haben, das können Gastrokritiker viel besser, auch wenn diese Beschreibungen auf mich entsetzlich geschwollen wirken. Ebenso erspare ich dem geneigten Leser den Versuch, die Weine zu beschreiben, die wir zu den Kompositionen erhielten, aber ich muss festhalten, dass die Weine jedes Gericht noch etwas anheben. Es wirkt wie ein kleines Wunder.

Ich kann nicht ausschließen, dass sich dieser überaus positive Eindruck aus dem Essen und den Getränken, aber genauso wichtig, dem ganzen Drumherum, dem Ambiente, dem angenehmen Personal und nicht zuletzt dem exorbitanten Preis dieses Abends zusammensetzt, schließlich wissen wir, dass Psychologie ein wesentlichen Bestandteil eines Qualitätseindrucks ist.

Apropos Preis.

Ja, der ist exorbitant. Ja, es ist dekadent, soviel Geld für ein Abendessen auszugeben. Ja, ein wenig schäme ich mich auch, aber ist es nicht viel schämenswerter für ein Auto 100.000€ zu bezahlen, dazu monatlich nochmal 500€ für den Betrieb, es aber maximal 45 Minuten am Tag zu nutzen?

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Eine merkwürdige Begebenheit

Sie hat einen Mann aus Albanien geheiratet.
War das eine Aufregung! Schockierte Eltern.
Albaner? Verbrecher!
Heute ist das anders. Es ist der liebste Schwiegersohn.
Sie hat albanisch gelernt. Bei den Schwiegereltern. Auf dem Dorf. In Albanien.
Bitterste Armut.
Der Sohn und seine Frau haben ein schönes Haus.
In Deutschland.

Die Schwiegereltern kommen zu Besuch.
Während des Frühstücks, nimmt der Schwiegervater Kaffeetasse und Stuhl und setzt sich vor die Haustür.
Sie wundert sich. Sie fragt: „Vater, was machst Du da?“
Er: „Ich warte auf die Müllabfuhr.“
Sie, verwirrt: „Warum wartest Du auf die Müllabfuhr?“
Er: „Du hast gesagt, dass um 10 Uhr die Müllabfuhr kommt, und ich will wissen, ob das wahr ist.“

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Wie man eine kostenlose Bahncard bekommt

Die Bahn ist besser als ihr Ruf, meistens jedenfalls. Natürlich gibt es Verspätungen, aber bei so einem komplexen Verkehrssystem ist dies unvermeidlich. Die Züge sind weitgehend gepflegt und den schlechten Service kann der Autor nicht bestätigen. Das mag daran liegen, dass der Autor ist in einem Alter ist, wo er noch den schmuddeligen Kölner Hauptbahnhof erlebt hat, in dem er sich eine Stunde in eine Schlange stellte, um eine Fahrkarte plus Reservierung zu erwerben. War er endlich an der Reihe, musste der Schalterbeamte für die Reservierung in Frankfurt anrufen (da war meistens besetzt) und sich, wenn er nach 20 Minuten jemanden erreicht hatte, eine Platzreservierung geben lassen. Das war wirklich so! Was die Bahn also in den letzten 30 Jahren geschafft hat, ist bemerkenswert.

Der geneigte Leser merkt: der Autor mag die Bahn, nur eines mag der Autor überhaupt nicht: Abonnements.

Die Bahncard ist ein Abonnement. Hat man sich einmal zum Kauf einer Bahncard entschieden, dann bekommt man „lebenslänglich“. Läuft die alte Karte im Januar aus, bekommt man die neue Bahncard im Dezember ins Haus geschickt. Der Autor hat es sich deshalb zur Regel gemacht, das Abonnement der Bahncard, unmittelbar nach dem Erwerb zu kündigen. Er entscheidet dann, wann er die nächste Bahncard kauft.

Viele Jahre war das kein Problem. Im Jahr 2009 allerdings hat der Autor einen entscheidenden Fehler gemacht. Der Autor vergaß in der Kündigung zu erwähnen, dass diese erst zum Laufzeitende am 5.1.2010 gelten solle.

Zwei Wochen nach seiner Kündigung erhielt der Autor ein Schreiben der Bahn, dass er bitte seine Bahncard zurückschicken möge, damit ihm das Geld erstattet werden könne.

Der Autor war empört! Jetzt sollte er seine Bahncard zurückschicken (was er nicht tat) und hätte damit keine mehr. Er wandte sich in seinem Zorn an eines dieser kafkaesken Callcenter. Die Dame dort war freundlich und meinte er solle sich keine Sorgen machen, es würde einfach eine neue Karte zugesendet. Der Autor war nicht ganz zufrieden, da er glaubte, in den nächsten zwei Wochen keine ermäßigten Tickets kaufen zu können. Aber die moderne Bahn ist flexibel, denn auch dieses Problem konnte gelöst werden. Die Angestellte des Kafkaschen Schlosses (sprich die Call Center Mitarbeiterin) sorgte dafür, dass der Autor (Peter K.) sich an einem Bahnschalter erneut eine vorläufige Bahncard abholen konnte.

Soweit so gut. Zwei Wochen später fand Herr K. jedoch ein weiteres Schreiben der Deutschen Bahn in seinem Briefkasten mit dem Inhalt: Sie haben gekündigt etc.

Voller Ärger rief Herr K. im Kafkaschen Schloss an und verlangte eine Klärung: Er wolle gar nicht kündigen, er wolle nur einfach eine gültige Bahncard, das habe er schon vor vier Wochen gesagt. Die Dame im Schloss war freundlich und meinte: „Sie erhalten Ihre Bahncard auf jedem Fall, da hat die Kollegin einfach einen Fehler gemacht.“ Herr K., halbwegs beruhigt von der kompetenten Stimme der Schlossangestellten legte auf und dachte sich, „Na gut, kann ja mal passieren.“

Zirka eine Stunde später rief die Dame aus dem Schloss wieder an: „Herr K.“ sagte sie, „es ist jetzt folgende Situation: Die Buchhaltung hat Ihnen die 220 Euro für die Bahncard gestern auf Ihr Konto überwiesen. Was machen wir denn jetzt, also ich würde Ihnen ja empfehlen sich einfach eine neue Bahncard zu kaufen, aber natürlich stellen wir Ihnen auch gerne eine Bahncard mit der Gültigkeit bis 5.1.2010 aus.“ Der Herr K. verstand allmählich – Herr K. ist gelegentlich etwas begriffsstutzig – dass die Situation sich zu seinem Vorteil entwickelt hatte, weil nun seine neue Bahncard zwei Monate länger gültig sein würde.

Er war befriedigt, bedankte sich bei der Schlossangestellten für ihr Engagement und legte auf.

Tatsächlich stellte Herr K. einen Zahlungseingang von 220€ fest. Er freute sich, da er zwei Monate lang zu Bahncardtarifen gereist war, ohne eine Bahncard bezahlt zu haben.

Vielleicht glaubt der geneigte Leser das nicht, aber erst Tage später wunderte sich Herr K.: er besaß eine Plastik-Bahncard, auf der stand: „Gültig bis 5.1.2010“. Konnte er damit nicht Bahn fahren zu Bahncardpreisen?

Er kann! Herr K. hat es probiert.

Leider konnte er keine Bahnbonuspunkte mehr sammeln oder bestehende Punkte gegen 1. Klasse Tickets einlösen, aber er fuhr zum halben Preis in ganz Deutschland! Dem Schloss sei Dank!

Wie man in Kafka’s „Das Schloss“ nachgelesen werden kann, ist Herr K. aber ein aufrechter Charakter, deshalb hat er die Geschichte aufgeschrieben und zusammen mit einen Scheck über 220€ an den Bahnchef gesandt, mit der Bitte, eine legale Bahncard zu erhalten.

Nachtrag:
Herr K. erhielt einige Wochen später seinen Scheck zurück. Der begleitende Brief des Kundenservice sagte aus, dass man Herrn K. leider nicht helfen könne, er solle sich doch eine neue Bahncard am Schalter kaufen. Für die entstandenen Unannehmlichkeiten wurde eine Reisegutschein in Höhe von 40€ beigelegt.

Diese Geschichte ist – auch wenn sie sich märchenhaft anhört – kein Märchen, sondern wahr!

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Der alte, weiße Mann und die Hippster

Ich bin ein alter, weißer Mann und lebe in Berlin. Berlin gilt international als hippste Stadt der Welt, wobei ich sagen muss, dass wir zwar in Berlin, aber in einem Stadtteil leben, bei dem die Einwohner das Wort ‚hipp‘ nur als Marke für Babynahrung oder aus dem Sprachgebrauch ihren pubertierenden Enkelkindern kennen. Mit anderen Worten: Wir leben in einem wohlsituierten, ruhigen, freundlichen und unaufgeregten Kiez, der mit zwei U-Bahnlinien gesegnet, am Rand der sogenannten Innenstadt liegt, nicht zentral, aber auch nicht am Ursch der Welt.

Weil unsere Wohnung renoviert wird, müssen wir für mehr als drei Wochen ins Exil und finden eine Bleibe in Mitte. Ich rede nicht vom Bezirk Mitte, wo es in Moabit, Wedding oder Tiergarten ähnlich verschnarchte Stadtteile gibt, wie den unsrigen. Nein, ich rede von richtig Mitte, Mitten in Mitte sozusagen. Rosenthaler Platz. Mehr Mitte geht nicht.

Nach drei Wochen Aufenthalt kann ich jetzt erklären, was ‚hipp‘ bedeutet.

Fangen wir mit dem Positiven an. Es ist wunderbar morgens aus dem Haus zu gehen und direkt ins nächste Café zu fallen, wo einem ein exzellenter Cappuccino zubereitet wird. Zwar steht man sich bei der Bestellung gelegentlich die Beine in den Bauch, weil zwei Hippster vor einem darüber beraten müssen, ob sie den Cappuccino lieber mit Mandel- oder mit Hafermilch trinken wollen und ob die angebotenen Croissants ohne Butter zubereitet sind und sie die tatsächlich essen dürfen, aber das liegt wahrscheinlich daran, dass ich ein alter weißer Mann bin und die altmodische Vorstellung habe, dass einem der Kaffee am Tisch serviert wird. Als Entschädigung für die lange Wartezeit wird man mit dem Anblick vieler junger, attraktiver Menschen belohnt und ich meine das überhaupt nicht sexistisch, es ist nur so ein krasser Gegensatz zu unserem Kiez und zudem ist es außerdem beruhigend, wenn ich an meine zukünftige Rente denke.

Nachdem ich also lange stehend auf die Bestellung und Zubereitung des Kaffees gewartet habe und mir ein Kopfschütteln einhandelte, weil ich um Zucker für den Kaffee gebeten habe, macht es Spaß dort zu sitzen und das blühende Leben an sich vorbeiziehen zu lassen. Es ist besser als jedes Fernsehprogramm. Man sieht schöne Menschen und weniger schöne, dicke und dünne, große und kleine, gepflegte und ungepflegte, aber alle, ausnahmslos alle strotzen vor Selbstbewusstsein. Sie sind sich sicher, dass ihnen die Zukunft gehört. Sie strahlen ungeheure Kraft und Energie aus und wollen die Welt verändern. Das die Veränderung vermutlich anders ausgehen wird, als sie heute erwarten, ist eine Erfahrung, die ich als alter, weißer Mann schon hinter mir habe.

Nach einer Weile stehe ich auf, schlendere durch die Straßen und komme aus dem Staunen nicht heraus. Ich wusste gar nicht, was es alles für ‚hippe‘ Sachen gibt. Ein schicker Laden reiht sich an den Nächsten. Feinste Modegeschäfte findet sich neben Galerien, Einrichtungsaccessoires findet man neben dem Hutgeschäft und der Laden für Sneakers (althochdeutsch: Turnschuh) liegt neben dem Laden der teuren Billigschnickschnack verkauft.

Apropos Sneaker, in einem solchen Geschäft erfahre ich Dinge über Turnschuhe, die ich bis dahin nicht wusste. Ich habe den jungen Verkäufer offen gesagt, nicht wirklich verstanden als er mit den vielen Fremdwörtern um sich warf, ich habe aber gelernt, dass ein Turnschuh nicht zum Laufen gedacht ist, sondern als Kapitalanlage. Im Ernst! Er erklärt, dass manche Schuhe schon nach kurze Zeit im Internet zu weitaus höheren Preisen gehandelt werden. Wichtig sei aber, dass die Schuhe nicht getragen sind und dass der Karton, sowie das Einwickelpapier(!) unbeschädigt sei. Das erinnert irgendwie an die Tulpenzwiebelkrise im 17. Jahrhundert. Wie dem auch sei, dieses Mal ist sicher alles anders, denn dann verrät der Verkäufer mir ein Geheimnis. Er klingt dabei so, wie früher in der DDR, wenn die Verkäufer ‚Bückware‘ aus dem Versteck hervorholten und hinter vorgehaltener Hand flüsterten: ‘Ich habe hier noch etwas Besonderes für Sie.‘ Das Besondere in diesem Fall: ein Turnschuh, von dem jeder Laden nur 15 Exemplare bekommt. Ganz exklusiv und streng limitiert. „Der steigt im Wert sicher sehr bald“, meint er.

Tatsächlich gefällt mir der Schuh gut und trägt sich auch ein wenig besser, als die gewöhnlichen, unlimitierten Sneaker, also entscheide ich mich für den Kauf. Als ich meine, ich würde die Schuhe direkt anlassen und er solle die alten einpacken, bekommt er einen entsetzten Gesichtsausdruck und stottert: „Aber draußen regnet es!“

Bei mir stellt sich ein Gefühl ein, als wäre ich als alter weißer Mann auf der Mädchentoilette eines Gymnasiums erwischt worden, entschuldige mich beschämt und lasse mir die neuen Schuhe einpacken.

Ich laufe weiter und mir fällt ein, dass ich noch ein paar Lebensmittel brauche. Naiv, wie ich bin, denke ich, dass sicher gleich ein Lebensmittelgeschäft auftauchen wird. Nachdem ich aber mehrere gefühlte Kilometer später immer noch keines gefunden hatte, frage ich eine einheimische Passantin. Sie erklärt mir, dass es da einen Rewe am Hackeschen Markt gebe. Ich laufe und laufe und finde ihn nicht, weil er nicht am Hackeschen Markt, sondern auf der anderen Seite der S-Bahn liegt, was nicht mehr Hackescher Markt ist. Aber gut.

Der Laden ist gedrängt voll und überraschend klein. Vermutlich brauchen die vielen jungen Leute, die hier wohnen, keine Lebensmittel einkaufen, denn es gibt wirklich massenweise Restaurants und Cafés, wobei sich manchem vielleicht die Frage stellt, wie sich die jungen Leute während des Corona-Lockdowns ernährt haben. Die Antwort ist einfach und fällt in Berlins Mitte-Mitte sofort ins Auge. Es gibt unendlich viele Fahrradboten für Essen auf Rädern. Gelegentlich stehen diese Boten von Wolt oder Lieferando oder Uber-Eats Schlange vor den Restaurants und auffallend ist, dass es sich beim größten Teil diesen Boten um Geflüchtete zu handeln scheint. Ich bewundere den Fleiß und die Energie dieser Menschen, die von einem besseren Leben träumen und die den vielen jungen, hippen Essensbestellern das Leben bequem machen, aber es riecht für meinen Geschmack unglaublich nach Ausbeutung. Vielleicht sollte man darauf mal aufmerksam machen.

Die Fahrräder der vermuteten Essensboten sind übrigens meistens Swapfiets, das sind Fährräder mit blauen Vorderreifen. Die sieht man massenhaft in Mitte-Mitte. Man kauft sich heute kein Fahrrad mehr wie ….sie wissen schon….sondern mietet es sich. Also nicht stundenweise, wie ich das auch gelegentlich mache, sondern monatsweise oder für ein Jahr. Wenn das Fahrrad einen Platten hat oder gestohlen wird, dann bekommt man noch am selben Tag ein anderes identisches Fahrrad in die Hand gedrückt. Praktisch. Besitz ist einfach lästig, außer bei Klamotten natürlich, die braucht man schließlich für Abends.

Abends ist es am Schönsten in Berlins Mitte-Mitte. Am Rosenthaler Platz endet unter anderem der Weinbergweg, die Verlängerung der berühmten Kastanienallee und das ist, man kann es nicht anders sagen, ein Laufsteg der Eitelkeiten.

Alle sind aufgebrezelt. Junge Männer tragen Jogginghosen, zerrissene oder unzerrissene Jeans, bonbonfarbene Anzüge oder Wickelröcke. Viele tragen das, was sie für einen Vollbart halten.

Frauen tragen Kleider, Röcke, Hosen, sind mehr oder weniger geschminkt und tragen auffallend wenig Schmuck, weil der, bei soviel Attraktivität der Person, nicht nötig ist. Jeder Zweite ist tätowiert, womit auch die Frauen gemeint sind, aber die gendergerechte Form von ‚jeder‘ ist mir nicht bekannt. Aus der Masse der Tattoos auf Armen, Beinen, Rücken, Schultern oder zunehmend auch Händen, Hälsen und Gesichtern ragt ein Exemplar besonders hervor: ein kahlrasierter, junger Mann hat sich, vielleicht in weiser Voraussicht, eine einzelne Haarsträhne auf den vorderen Kopfteil tätowieren lassen. Noch wirkt das witzig.

Vor zirka dreißig Jahren hat diese Tattoo-Epidemie begonnen, hat sich immer weiter ausgebreitet und ist zu mehr und mehr Scheußlichkeit mutiert. Insofern hat es Ähnlichkeit mit dem Corona Virus, nur dass es dagegen keine Impfung gibt und wenn es sie gäbe, ist es die Frage ob die Stiko eine Impfung für unter 20 Jährige empfehlen würde. Gut, ich will mich nicht dauernd wiederholen, aber hoffe trotzdem, dass diese Mode, wie jede andere Mode eines Tages verschwinden wird.

Wir suchen ein Restaurant, fragen nach einem Tisch und unsere Frage wird uns selbstverständlich auf Englisch beantwortet. Immerhin hat die Kellnerin die deutsch gestellte Frage verstanden! Gut, dass wir, vice versa, des Englischen einigermaßen mächtig sind, so dass wir uns setzen und das Treiben beobachten können. Neben uns sitzt ein junges Pärchen im Krisenmodus. Sie weint. Hinter uns zwei attraktive junge Frauen, die sich über vegane Ernährung unterhalten und nach kurzer Zeit mit zwei jungen Männern am Nachbartisch ins Gespräch kommen. Ein paar Tische weiter sitzt eine italienische Touristenfamilie, die das Leben auf Berlins Straßen bestaunen, wie wir, wenn wir Abends auf einer italienischen Piazza sitzen. Vor uns radelt alle 30 Sekunden ein Wolt oder Lieferandobote vorbei und das geht stundenlang so. Nach zwei Stunden sind wir erschöpft und gehen zu unserer Schlafstätte. In unserem Alter wird man gegen 23 Uhr müde, während das Publikum hier gerade erst aufwacht. Es ist Wochenende, kein Wunder. Wir schlafen ein. Um halb zwei werden wir von lauter Partymusik wach. Da alle Clubs geschlossen sind, hat man die Party kurzerhand ins Hinterhaus verlegt. Die Musik ist so laut, dass wir uns entschließen aufzustehen und durch die Stadt zu laufen. Es ist immer noch voll auf den Straßen, überall wird Bier getrunken. Flaschenscherben knirschen unter unseren Füßen. Ein Betrunkener läuft laut grölend an uns vorbei, er schafft es locker die vollbesetzte, vorbeifahrende Straßenbahn zu übertönen. Ein Flaschensammler macht um diese Uhrzeit das Geschäft seines Lebens, er hat sich einen großen Einkaufswagen organisiert und sammelt hunderte von leeren, liegengebliebenen Pfandflaschen ein. Als wir um vier Uhr zu unserer Schlafstätte zurückkehren, steht ein Mann im Hauseingang und pinkelt, irgendwo muss das Bier schließlich hin.

Die Musik hat aufgehört. Wir können schlafen.

Wir freuen uns darauf, wieder in unseren spießigen Kiez zurückzukehren, den mit lauter alten …. Ach, sie wissen schon.

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Geschichten meines Großvaters: Recht und Gerechtigkeit

Eine Parabel

Justizia: Keine Schönheit

Eines Tages kam ich empört zu meinem Großvater, weil ein Mörder vor Gericht freigesprochen wurde, obwohl er eindeutig schuldig war.
„Das ist keine Gerechtigkeit, das darf nicht sein,“ sprach ich mit der zweifelsfreien Überzeugung der Jugend.
„Du hast recht“, sagte er, „das ist keine Gerechtigkeit, das ist Recht“, und er erklärte mir den Unterschied.
„Recht und Gerechtigkeit sind zwei Schwestern. Die eine, sie trägt den Namen Gerechtigkeit, ist eine verführerische Schönheit. Die begehrenswerteste Frau, das Du Dir vorstellen kannst. Einmal mit ihr zu schlafen, ist das größte Glück, keine Frau kommt ihr gleich. Bist Du aber in ihre Fänge geraten, dann steigt der Preis für die Erfüllung Deiner Sehnsucht. Erst verlangt sie, dass Du auf die Knie gehen musst, später musst Du Dich erst geißeln, bevor Du sie küssen darfst. Sie verlangt immer mehr, erst dann, so sagt sie, kann sie Dich erhören. Also beugst Du Dich, immer tiefer, bis Du im Staube kriechst und leidest wie ein Hund, denn das höchste Glück, ist ein Kuss von ihr.
Irgendwann aber wendet sie sich dem Nächsten zu und verspricht sich jenem.

Die andere Schwester, sie heißt Recht, ist nicht hässlich, aber auch nicht attraktiv. Sie ist zänkisch, aber eine gute Mutter für Deine Kinder. Mit ihr zu schlafen, hilft Dir, dass Du nicht jede Nacht wie ein Hund um die Häuser streunen musst. Sie kocht für Dich, wenn Du hungrig bist und sie setzt Dich vor die Tür, wenn Du ein falsches Wort sagst.
Insgesamt kannst Du sie ertragen, auch wenn sie manchmal unerträglich ist.
Recht ist eine langweilige Hausfrau, mit ihr kommst Du sicher nicht ins Paradies.
Gerechtigkeit dagegen ist eine launische Dirne, mit ihr kommst Du ganz sicher in die Hölle.

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Geschichten meines Großvaters: Dankbarkeit

Am Boden zerstört, kam ich eines Tages zu Großvater, denn ein Mensch, den ich für einen Freund hielt, hatte mich tief entäuscht. Ich hatte ihm vor einigen Jahren in einer brenzligen Situation sehr geholfen. Er wäre mir zutiefst dankbar, stünde schwer in meiner Schuld und schwor mir ebenso zu helfen, wenn ich ihn einmal brauchen würde.
Vor Kurzem bat ich ihn darum, seine Schuld zu begleichen, weil ich dringend seine Hilfe brauchte. Er wirkte völlig überrascht und meinte, dass er sich gar nicht mehr erinnern könne, aber in jedem Fall wäre meine Bitte zu viel verlangt. Er könne mir nicht helfen.
„Junge“, kommentierte Großvater trocken, „Dankbarkeit ist eine Währung mit einer sehr hohen Inflationsrate.“

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Geschichten meines Großvaters: Sklaverei

Großvater und ich machten eine Reise durch den Süden der Vereinigten Staaten. Dort führte er mich in die Whitney Plantation, das einzige Museum, welche sich mit der Ursünde der USA, der Sklaverei auseinandersetzt. Dort erfuhr ich, wie grausam die Sklaven gejagt und eingefangen wurden, wie viele Millionen beim Transoprt über den Atlantik ums Leben kamen, wie furchtbar sie von ihren Besitzern, die sich ‚Herren‘ nannten, behandelt wurden und ich erfuhr viel über jene heldenhaften Kämpfer gegen die Sklaverei, die den Weg für deren Abschaffung ebneten.
Besonders beeindruckte mich das Leben von Olaudah Equiano, einem ehemaligen Sklaven, der im 18. Jahrhundert weltweit das Gewissen der Menschen durch seine Aktivitäten und Bücher gegen die Sklaverei aufrüttelte. Gleichbedeutend daneben steht der Roman ‚Onkel Toms Hütte‘, dessen Autorin Harriet Beecher-Stowe vom amerikanischen Präsidenten Abrahm Lincoln, bei einem Empfang während des Bürgerkrieges mit den Worten geadelt wurde: „Das ist also die kleine Dame, die diesen großen Krieg begonnen hat.“
Dieser Erfolg des Humanismus begeisterte mich: „Das ist doch toll, Tausende von Jahren hat es überall auf der Welt Sklaverei gegeben aber in nur 150 Jahre wurde sie praktisch abzuschaffen. Wenn das gelungen ist, warum soll es dann nicht gelingen, auch den Krieg abzuschaffen?“
Lange schwieg Großvater, dann meinte er: „Ja, das wäre schön, aber die Frage ist, ob die Abschaffung der Sklaverei tatsächlich ein Sieg des Humanismus war. Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei zeitlich zusammenfällt mit dem Siegeszug der Dampfmaschine. Vieles was vorher von Sklaven gemacht wurde, konnte nach und nach durch Dampfmaschinen ersetzt werden und diese machten dieselbe Arbeit schneller und zuverlässiger und damit billiger.“
Großvater machte eine Pause und meinte: „Man kann leider nicht ausschließen, dass die Sklavenbefreiung nur deshalb Erfolg hatte, weil die Sklavenhaltung zu teuer wurde.“

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Geschichten meines Großvaters: Probleme

Sehr lange arbeitete ich in einem Forschungsprojekt an der Lösung eines mathematischen Problems. Viele hatten sich daran versucht und waren gescheitert. Es war nur ein winziger Bestandteil einer komplexen Berechnung, aber von großer Wichtigkeit. Monate grübelte ich über diese Gleichung kam aber keinen Schritt weiter. Eines Tages berichtete ich Großvater davon und er sagte nur einen Satz: „Such Dir eine andere Arbeit.“
Ich verstand nicht und führte meinen Kampf mit der Gleichung fort.

Quelle: https://www.flickr.com/

Ich scheiterte. Mein Vertrag wurde nicht verlängert, doch ich fand eine andere interessante Tätigkeit, der ich mich intensiv widmete.
Es vergingen Monate voll mit neuer und spannender Arbeit. Irgendwann ergab es sich aber, dass ich kaum zu tun hatte. Also kramte ich, weniger aus Forscherdrang, denn aus Langeweile, meine Unterlagen zur Lösung der Gleichung hervor.
Was dann geschah, war ein Wunder: Ich erkannte augenblicklich, was ich jahrelang übersehen hatte. Ich setze mich mit Herzklopfen an den Schreibtisch und als ich am nächsten Morgen müde wieder aufstand, hatte ich die Gleichung gelöst.
Als ich Großvater davon berichtet und ihn fragte, wie er seine Bemerkung damals gemeint habe, antwortete er: „Wenn Du Dich intensiv mit einem Problem beschäftigt hast, wirst Du blind. Die Lösung liegt vor Dir, aber Du siehst sie nicht.“ Er machte eine lange Pause: „Du musst Dich erst vom Problem lösen, damit Du das Problem lösen kannst.“

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Geschichten meines Großvaters: Macht

Neulich kam ich aufgeregt zu Großvater. Der gewählte Präsident unseres Landes sei ein impotenter Großkotz, schimpfte ich und mache Politik ohne Sinn und Verstand. Viele Menschen verzweifelten an diesem Präsidenten und fragte sich, warum ausgerechnet er gewählt worden ist. Es war beschämend für unser Land und ein Drama für die Welt.

Großvater stimmte zu, blieb aber gelassen:

„Weißt Du, genau für diesen Fall ist die Gewaltenteilung erfunden worden. Man kann nicht verhindern, dass so eine Person Präsident wird, aber durch die Gewaltenteilung bekommt dieser Mann nicht zu viel Macht. Er kann Schaden anrichten, aber niemals so viel wie ein Diktator. Gewaltenteilung ist vermutlich die klügste Erfindung des Menschen überhaupt.“

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Geschichten meines Großvaters: Macht II

Wieder kam ich schimpfend zu Großvater, weil ich entsetzt darüber war, dass ein führender Politiker nicht zurücktrat, obwohl er gravierendes Fehlverhalten an den Tag gelegt hatte. „Es geht ihm nur um die Macht!“
„Ja“, sagte Großvater „das stimmt, deshalb wurde die Demokratie erfunden.“