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Der Zweifelteufel

Er ist ein ständiger Begleiter,
Für jeden, der mit Worten oder Noten kämpft.
Du sitzt still da und kommst nicht weiter,
Weil er dir an der Schulter hängt
Und flüstert: „Das ist Mist!
Was denkst Du, wer Du bist?
Du bist kein Goethe, Schiller oder Bach,
was Du da machst, das ist ganz, ganz flach.“
Du schlägst den Quälgeist,
willst ihn vertreiben,
Doch er will gerne länger bleiben.
Er plappert viel und lächelt dreist,
Du wünschst, er wäre bald verreist.
Doch er ist beharrlich, penetrant
Und irgendwann bist du ganz krank.
Voll Zweifel legst Du dich ins Bett
und denkst: ‚Er hat wohl recht.‘
Dann schläfst Du ein und wenn du erwachst,
Hat er sich davon gemacht.
Der Spuk ist fort, Du spürst Esprit,
Voll Tatendrang und Geist wie nie.
Es fliegen die Finger über die Seiten
es ist, als würd‘st den Stier Du reiten.
Du bist euphorisch, enthusiastisch,
Es gelingt dir alles ganz phantastisch,
Das Klopfen aber, das hörst du nicht,
Das Klopfen wird lauter, die Türe zerbricht.
Da ist er wieder, der kleine Wicht,
Er setzt sich zu Dir voll Zutraulichkeit
Und nimmt sich diesmal wirklich, wirklich viel Zeit.

Ein anderes Gedicht, nicht ganz so heiter: Der Sonnenuntergang

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Waldstein oder Die Erinnerungen des Herrn K.

Das Waldstein Konzert von Vincent Sebastian Andreas

Zweimal im Leben war Herr K. bei einem Konzertbesuch den Tränen nahe. Das erste Mal bei einer Tanzchoreografie von Sascha Waltz zu ‚Ein Deutsches Requiem‘ und das zweite Mal am vergangenen Sonntag bei ‚Waldstein‘ von Vincent Sebastian Andreas.

Waldstein ist eine grandiose, hochemotionale Symbiose von Literatur und Musik. Es reichte an diesem Abend ein Flügel mit der Pianistin Hansol Cho, der Kammerchor Nikolassee dem Dirigenten und Komponisten Andreas und vorher: unfassbar viel Arbeit.

Vincent Sebastian Andreas Idee war so einfach wie brillant: Goethes „Leiden des jungen Werther“ auf 90 Minuten gekürzt, ohne ein Wort hinzuzufügen und dennoch die ganze Geschichte zu erzählen, wird vom Kammerchor Nikolassee nach seinem Arrangement gesungen und das Ganze wird mit vier Klaviersonaten von Beethoven hinterlegt. Die namensgebende Waldsteinsonate bildet dabei den Höhe- und Schlusspunkt. Verblüffend dabei ist, dass die Musik der vier Sonaten so perfekt auf den Text zu passen scheint, dass man fast annehmen konnte, Beethoven habe sie dafür geschrieben. Das Gesangsarrangement – sehr herausfordernd für jeden Chor – legt sich dabei über Beethoven, wie eine wärmende Daunendecke.

Der Gesamteindruck: Überwältigend.

Herr K. war nicht allein mit seiner Emotionalität. Ein junger Zuhörer brach während des Konzertes in Tränen aus und eine andere Zuhörerin meinte anschließend, dass es sinnvoll gewesen wäre die Nummer der Telefonseelsorge auf das Programmheft zu drucken.

Tatsächlich löste die Musik bei Herrn K. Erinnerungen an die Zeit aus, wo auch er bereit gewesen wäre, für die Liebe zu sterben.

Es scheint aber keine zusammenhängenden Todesfälle mit den drei Konzerten gegeben zu haben und so kann man nur hoffen, dass dieses Werk nicht der Vergessenheit anheim fällt, sondern eine Wiederauferstehung auf großer Bühne erlebt.

Es wäre es wert!

Auch interessant: Herr K. und die Ironie der Geschichte

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Peter K. zu: Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral

Das Buch von Michael Tomasello ist eine Erweiterung zu ‚Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens‚. Es handelt sich um eine wissenschaftliche Analyse mit philosophischen Schlussfolgerungen. Man könnte es eine wissenschaftsbasierte Philosophie nennen. Beide Disziplinen umschlingen einander. T.s Überlegungen sind auf empirischen Erkenntnissen aufbauende Spekulationen, die plausibel, logisch und stringent eine der großen Fragen der Philosophie beantworten: Warum haben Menschen eine Moral und worauf zielt sie?

T. geht davon aus, dass die Moral dem Menschen einen evolutionären Vorteil verschafft haben muss, sonst hätte sich die Moral nicht durchgesetzt.

Die Frage ist also genauer: Welchen evolutionären Überlebensvorteil bietet die Moral?

Die Antwort ist so kurz wie einfach: Moral erlaubt dem Menschen die Kooperation und damit auch die Konfliktvermeidung und -regelung in der überlebensnotwendigen Zusammenarbeit mit Artgenossen.

T. unterscheidet zwischen der zweitpersonalen Moral, die Moral zwischen zwei gleichberechtigten (Früh)Menschen und einer »objektiven« Moral, die sich mit dem modernen Menschen entwickelte und mit der Kulturen entstanden.

Die zweitpersonale Moral bildete sich bei der gemeinsamen Jagd von Frühmenschen mit mehr oder wenig zufällig ausgewählten Partnern. Das Ergebnis der Jagd wurde gerecht geteilt, sofern der Partner sich fair verhielt, was dazu führte, dass durch die Selektion von fairen Kooperationspartnern eine immer größere Kooperationsbereitschaft entstand. Der Erfolg dieser Entwicklung führt zu immer stärkerer Arbeitsteilung und damit zu größeren Gruppen, was die Interdependenz der Menschen untereinander verstärkte. Ab einer Gruppengröße von ca. 150 Personen kann die zweitpersonale Moral auftretende Konflikte nicht mehr lösen. Deshalb entstehen Regeln, Institutionen, Hierarchien und Religionen, die sich im Ergebnis  zur »objektiven« Moral einer Kultur entwickelten. »Objektiv« nennt er diese Moral, weil sie für die Menschen, die in der jeweiligen Kultur aufwachsen und leben, als objektiv erscheint. Dies ist – extrem verkürzt – die Zusammenfassung des Buches.

Moralische Dilemmata entstehen dann, wenn Forderungen des Egoismus, der zweitpersonalen Moral und der »objektiven« Moral zu widersprüchlichen Ergebnissen führen. Dann muss das Individuum  eine Entscheidungen treffen, die aus einer Perspektive moralisch richtig sein kann, aus einer anderen aber moralisch falsch ist.

Die Plausibilität und Stringenz dieses Buches rührt nicht nur daher, dass es sich auf vergleichende Verhaltensforschung von Menschaffen und Kleinkindern bezieht und zwischen beiden fundamentale Unterschiede feststellt, sondern seine Überlegungen erklären auch eine Unmenge von Alltagsphänomenen mit denen wir Heutigen konfrontiert sind. Das beginnt mit der Arbeitsteilung, der daraus resultierenden Komplexität von Gesellschaften und unserer Abhängigkeit voneinander. Es geht weiter über die »objektive« Moral, die jeder Kultur als die ‚natürliche‘ und ‚logische‘ erscheint und zu kulturellen Konflikten führt, es lässt uns die Ursachen für die Skepsis gegenüber Mitgliedern fremden Kulturen begreifen, ja selbst der Kulturkampf um Gendergerechtigkeit lässt sich vor diesem Hintergrund besser einordnen.

Vorsichtigerweise benutzt T. das Wort Gen oder Genetik nur an wenigen Stellen, trotzdem legen seine Ausführungen nahe, dass die evolutionäre Entwicklung sowohl Mechanismen der zweitpersonalen Moral, als auch der »objektiven« (kulturellen) Moral genetisch manifestiert haben müssen. Ohne es direkt zu formulieren, wird aus T.s Ausführungen deutlich, dass der Mensch in seiner Psyche und seiner Moral viel stärker evolutionären Mechanismen unterworfen ist, als die meisten Menschen das wahrhaben wollen.

Aus einer übergeordneten Perspektive gibt es zwei Dinge, die bei der Lektüre irritieren. Dabei handelt es sich nicht um inhaltliche, sondern um formale Aspekte.

Erstens ist die Sprache des Herrn T. ausgesprochen verschwurbelt. Es liegt wohl nicht an der Übersetzung, denn es scheint auch in der englischsprachigen Welt ein verbreiteter Kritikpunkt zu sein.

Zweitens kann Herr T. der Versuchung nicht widerstehen für das Thema, ein Art ,geschlossenes Weltbild‘ zu entwickeln. Es gibt – auf den ersten Blick – keine Widersprüche, alles erklärt sich logisch und inhärent innerhalb dieses – wohlgemerkt – auf empirischen Untersuchungen begründeten Systems. Das kennt man nur in der Philosophie – und bei Verschwörungstheorien.

Trotzdem, dieses Buch bietet eine Fülle an Anregungen, die aktuelle Konflikte und Probleme, sowohl auf politischer, als auch auf persönlicher Ebene besser verstehen lässt und ist – bei aller Komplexität und sprachlicher Herausforderung – unbedingt lesenswert. Wer die Mühe scheut, das ganze Buch zu lesen, findet hier eine ausführliche Zusammenfassung als Download.

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Herr K. und sein unsichtbarer Nachbar

Herr K. lebt in einem der typischen 20er Jahre Häuser Berlins. Es gibt eine nette Nachbarschaft. Man hilft sich mit Eiern oder Zucker, man plaudert im Treppenhaus und natürlich wird auch getratscht.

Gegenüber von Herrn K. wohnt ein Russe. Er ist Arzt. Er ist sympathisch. Er ist gutaussehend. Er lebt seit mehr als fünf Jahren im Haus, doch Herr K. hat ihn nur wenige Male gesehen. Meistens von hinten. Wenn er gerade das Haus verlässt. Nur kurze Augenblicke. Einmal haben sie ein paar Worte gewechselt. Allgemein, freundlich, nichtssagend.

‚Er ist schüchtern‘, dachte Herr K. und versuchte einmal vergeblich ihn zum Essen einzuladen.
‚Vielleicht mag er mich nicht‘, erklärte sich Herr K. sein Scheitern

Aber als bei einem der Treppenhausgespräche eine Nachbarin meint: „Er ist unsichtbar“, fällt es Herrn K. wie Schuppen von den Augen.
„Und er ist Russe“, sagt er.
Die Nachbarin schaut Herrn K. irritiert an und der, erregt von der plötzlichen Erkenntnis, erklärt:
„Russen mussten jahrzehntelang lernen nicht auf aufzufallen. Auffallen war lebensgefährlich. Das ist ihnen in Fleisch und Blut übergegangen. Unsichtbar hatten sie die größten Überlebenschancen.“**
„Aber, er lebt doch jetzt in Berlin“, entgegnete die Nachbarin, „da muss er doch keine Angst mehr haben.“

Herr K. schüttelte den Kopf: „Kultur ist ein Erbe, das man nicht so schnell ablegen kann.“

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** siehe: Der Grosse Terror – Stalins Säuberung der Gesellschaft (uzh.ch)

Passt dazu: Der Untergang Russlands als Self-fulfilling Prophecy – Peter K

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Kohlrabi einmal anders

Auf ausdrücklichen Wunsch einer Leserin wurde ich gebeten, wieder einmal ein Kochrezept zu veröffentlichen.
Nun, nach der schweren Kost zur Naturgeschichte des menschlichen Denkens etwas leichtes und zwar in jeder Hinsicht.
Ich liebe Kohlrabi, aber am liebsten esse ich sie wie einen Apfel (geschält natürlich), weil der feine Geschmack dieses Gemüses beim Kochen viel verliert. Ich habe lange überlegt, wie ich den Geschmack einfangen kann. Es ist ganz einfach.

Man nehme für jede Person eine mittelgroße Kohlrabi, wasche und reinige sie, schneide unten den holzigen Stängel ab, setze sie in eine passende Auflaufform und schiebe sie bei ca. 200° in den Backofen. Jetzt heißt es nur noch abwarten und ab und an prüfen, ob sie durch sind und wiederholt mit dem Öl aus der Auflaufform übergießen. Je nach Größe der Kohlrabi dauert das 40 – 60 Minuten.

Anschließend aus dem Backofen nehmen, in Scheiben schneiden und mit Café de Paris Butter und Kartoffelpüree servieren.

Kleiner Tipp zum Püree: Spitzenköche nehmen festkochende Kartoffeln und pro 500gr. Kartoffeln, satte 250gr. Butter (es darf aber auch weniger sein).

Guten Appetit

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Peter K. über Michael Tomasello: Die Naturgeschichte des menschlichen Denkens

Vorbemerkung

Michael Tomasello hat mit diesem Buch eine Zusammenfassung seines Lebenswerks (Teil 1) vorgelegt. Das Werk ist sehr komplex. Er greift vielfach auf seine Forschungen zurück und belegt seine Thesen damit.

Da Tomasello (auch im Max-Planck Institut) mit Menschenaffen und Kleinkindern geforscht hat, analysiert er im ersten Kapitel seine Sicht auf das Denken von Menschenaffen. Im zweiten Kapitel schließlich beschreibt er den Unterschied, der sich seiner Meinung nach zwischen dem Denker der Menschenaffen und der Frühmenschen aufgetan hat. Dabei greift er neben seinen eigenen Forschungen auf entwicklungspsychologische (Piaget u.a.) und sprachwissenschaftliche Forschungen zurück.

Im dritten Kapitel entwickelt er schließlich seine Schlussfolgerungen zum Übergang zwischen Frühmenschen und modernen Menschen, die argumentativ brillant und absolut plausibel, dennoch zwangsläufig als spekulativ bezeichnet werden müssen. Er selbst ist vorsichtig genug, um immer wieder darauf hinzuweisen, dass es sich um plausible Hypothesen handelt.

Insgesamt habe ich in meinem Leben selten so etwas Schwieriges gelesen. Es ist eine Herausforderung für jeden Leser und ich kann nicht behaupten, dass ich alles verstanden habe. Allerdings adressiert Tomasello seine Arbeit an seine Wissenschaftskollegen, deshalb sind viele Details für das Verständnis seiner Grundgedanken nicht zwingend erforderlich. Letztere versuche ich hier zusammenzufassen.

Seine Hauptthese lautet: „Denken um zu ko-operieren, ist in groben Zügen die Hypothese (…).“ S.186

Die Begründung erfolgt auf dem Fuße:

„ So führten Hermann et al eine umfassende Reihe kognitiver Tests – die sowohl Kompetenzen für den Umgang mit der psychischen als auch solche für den Umgang mit der sozialen Welt erfassten – mit einer großen Zahl der engsten Primatenverwandten des Menschen, Schimpansen und Orang Utans, und mit zweieinhalbjährigen Kindern durch. Wenn der Unterschied zwischen der Kognition von Menschen und der von Menschenaffen auf allgemeiner Intelligenz beruhen würde, dann sollten sich die Kinder bei dieser Untersuchung über alle verschiedenen Aufgaben hinweg gleichmäßig von den Affen unterscheiden. Aber das war nicht der Fall. Das Ergebnis war dass die Kinder und die Menschenaffen sehr ähnliche kognitive Kompetenzen für den Umgang mit der physischen Welt hatten, dass aber die Kinder – die zwar alt genug waren um ein bisschen zu sprechen, aber immer noch Jahre entfernt vom Lesen, Zählen oder Schulbesuch waren – bereits raffiniertere kognitive Fertigkeiten für den Umgang mit der sozialen Welt hatten als beide Menschenaffenarten. Die Hypothese war daher, dass erwachsene Menschen nicht deshalb in fast jeder Hinsicht klüger als andere Menschenaffen sind, weil sie eine Anpassung für höhere allgemeine Intelligenz besitzen, sondern vielmehr, weil sie als Kinder aufwuchsen, die ihre besonderen Fertigkeiten der sozialen Kognition nutzten, um zu kooperieren, zu kommunizieren und sozial vermittelt alle möglichen Arten neuer Dinge von anderen in ihrer Kultur zu lernen, einschließlich des Gebrauchs all Ihrer verschiedenen Artefakte und Symbole.“ S. 187f

Kap. 1: Das Denken der Affen

In diesem Kapitel erklärt Tomasello, dass Affen nicht reine Reiz Reaktionsmaschinen sind, sondern Grundstrukturen des Denkens haben. Dabei definiert er genau, welche Art diese Denkstrukturen haben: Es sind einfache Kausalzusammenhänge, Schlüsse, die sie aus Beobachtungen ziehen. „Dort in dem Baum sind Bananen, die will ich haben, aber dort sehe ich auch einen Jaguar, da bleibe ich lieber weg.“

Es sind Denkstrukturen, die sich im Wesentlichen auf die eigenen Bedürfnisse richten. T. beschreibt die Art dieser Denkstrukturen auf Grundlage der Experimente, die er mit Affen gemacht hat. Die entscheidende Aussage dabei ist: Der Affe handelt fast ausschließlich selbstintentional (T), d.h. dass Affen nur für sich denken, sie sind nicht in der Lage aus der Perspektive eines anderen zu denken. Es geht (von einer Ausnahme abgesehen) ausschließlich um ihre eigenen Bedürfnisse. Affen sehen andere Affen als Konkurrenten, nicht als Kooperationspartner.

Diese Denkstrukturen waren es, die der Frühmensch als Erbe von den Menschenaffen vor ca. zwei Millionen Jahren übernommen hat.

Kap. 2: Das Denken der Frühmenschen

Weil die evolutionären Nischen kleiner wurden (die Ursachen dafür beschreibt T. nicht), brauchte der Frühmensch einen evolutionären Vorteil gegenüber den Menschenaffen, um sich mehr Überlebenschancen zu sichern. Diese fand er in der Zusammenarbeit mit einem Artgenossen. Damit sind wir bei der zentralen These von T. angekommen. Der Scheidepunkt in der evolutionären Entwicklung zwischen Menschenaffen und Menschen ist die Kooperation, die beim Frühmenschen in eine gemeinsame Intentionalität (T) zum Ausdruck kommt.

Die früheste Form der Kooperation zeigt sich in Zeigegesten. Zwar machen auch Menschenaffen Zeigegesten, aber niemals mit dem Ziel der Zusammenarbeit, immer nur für die eigenen (egoistischen) Ziele. Beim Frühmenschen, so T., entwickelten sich Zeigegesten aber dahin, z.B. den Jagdpartner auf etwas (Beute, Gefahr etc.) hinzuweisen.

Die Zeigegesten des Frühmenschen haben einen fundamentalen Unterschied zu den Zeigegesten der Menschenaffen, denn es bedeutet, dass sich der Frühmensch in die Perspektive eines anderen Frühmenschen hineinversetzt: „Er hat vielleicht nicht gesehen, was ich gesehen habe, darum mache ich ihn darauf aufmerksam.“ Diese Art von Zeigegesten treten schon bei Kleinkindern auf, während sie bei Affen nicht zu beobachten sind.

Dies ist ein entscheidender Schritt der Kooperation: Wenn ich versuche mir die Perspektive des anderen vorzustellen, ist gemeinsames Jagen erfolgreicher. Der evolutionäre Vorteil liegt auf der Hand.

Allerdings sind Zeigegesten eine eindimensionale Form der Kommunikation. Komplexe Sachverhalte lassen sich so nicht vermitteln, etwa: „Ich habe in der Höhle eine Schlange gesehen, wir müssen vorsichtig sein.“

Deshalb entsteht die Gestik. Mit einer Zeigegeste auf die Höhle und einer schlängelnden Bewegung mit der Hand lässt sich fast ein Satz bilden, der dem anderen meine Erfahrung mitteilt. Auf diesem Weg kann eine – wahrscheinlich mit Lauten untermalte – Kommunikation zur Zusammenarbeit entstehen, die schon eine einfache syntaktische Struktur hat. Im Mittelpunkt der evolutionären Entwicklung steht die Zusammenarbeit mit einem (oder einigen wenigen) anderen Individuen, um gemeinsam besser überleben zu können.

Kooperation erfordert Kommunikation und Kommunikation erhöht die Erfolgschancen.
Wichtig hierbei: Es handelt sich nicht um feste Gruppen, Stämme oder ähnliches, sondern um lockere Verbünde von Einzelindividuen.

Die Entstehung des modernen Menschen setzt dann vor ca. 200Tausend Jahren ein und hier geht die gemeinsame Intentionalität in die kollektive Intentionalität  über.

Kap. 3: Das Denken des modernen Menschen

Noch einmal zur Erinnerung: Der Mensch hat anders als die Menschenaffen, den Weg der Kooperation eingeschlagen. Dazu hat er einfache kommunikative Strukturen entwickelt, so dass zwischen Individuen eine gemeinsame Intentionalität entstanden ist. Die Frühmenschen konnten spontan gemeinsame Ziele verfolgen. Dabei war es aber hilfreich, den anderen darüber zu informieren, dass ich bessere Informationen habe als er. Wenn der andere vorschlägt zu einem Wasserloch zu gehen, um dort zu jagen, ich aber morgens gesehen habe, dass dieses Wasserloch ausgetrocknet ist, sollten wir nicht dorthin gehen. Dafür ist komplexe Kommunikation erforderlich, die beim modernen Menschen anzutreffen ist.

Der moderne Mensch zeichnet sich dadurch aus, dass er kollektiv gemeinsame Ziele verfolgt.

Dazu ist aber ein gemeinsames Verständnis der Interpretation der Welt erforderlich. T. nennt dieses gemeinsame Verständnis objektive Wirklichkeit. Damit ist aber keinesfalls eine wissenschaftliche Objektivität gemeint, sondern eine Vereinbarung einer Gruppe von Menschen darauf, was sie gemeinsam als objektive Wirklichkeit anerkennen. Dazu bedarf es des Austauschs von Informationen, die begründet werden müssen. Anhaltspunkte für diese These sieht T. auch in der Entwicklung der Sprache bei Kindern. „Weil-Konstruktionen“ sind eine der frühesten Argumentationslinien bei Kindern.

„Eine besondere Diskurssituation ist das kooperative Argumentieren, bei dem wir versuchen, zu einer Gruppenentscheidung über  Handlungen oder Überzeugungen zu gelangen. Wir tun das nicht nur durch Behauptungen die auf die Wahrheit verpflichtet sind, sondern auch dadurch, dass wir diese Behauptungen mit Gründen und Rechtfertigungen abstützen, was bedeutet, dass wir Verbindungen zu Dingen herstellen, in Bezug auf die eine kollektive Übereinstimmung besteht, dass sie wahr und zuverlässig sind. Das Ergebnis dieses Prozesses ist, dass die verschiedenen Konzeptualisierungen und propositionalen gegliederten Gedanken moderner Menschen, insofern sie sprachlich ausgedrückt sind, immer stärker in einem riesigen Netzwerk von Überzeugungen miteinander verknüpft werden, so dass jedes Element in diesem Netz durch seine inferentiellen Beziehungen mit anderen an Bedeutung gewinnt.

Diese wechselseitige Verknüpftheit ist eine Schlüsselkomponente dafür, dass man ein rationales Wesen ist, dass sich in einem ganzen Begriffssystem zurechtfindet, in dem propositional strukturierte Gedankengründe und Rechtfertigung füreinander liefern (das heißt, sie können als Prämissen und Konklusionen füreinander in einer Argumentation benutzt werden).“ S. 175f

Durch die Informationsweitergabe und Argumentation entsteht Syntax und damit entsteht Abstraktion, denn Satzkonstruktionen sind Vehikel deren Inhalte austauschbar sind, aber übergeordnete (abstrakte) Strukturen bilden (Etwa Aufforderungen: Geh dorthin. Iss das. Bleib hier.)

Durch die Differenzierung der Sprache in immer mehr Begriffe, werden plötzlich Schlussfolgerungen möglich, die sich aus der sprachlichen Logik ergeben. Antilopen sind Tiere, aber nicht jedes Tier ist eine Antilope. Wenn also jemand sagt: „Hinter dem Hügel ist eine Antilope“, dann ist klar, dass sich hinter dem Hügel ein Tier befindet. Aber die Aussage „Hinter dem Hügel befindet sich ein Tier“, bedeutet keinesfalls, dass es sich um eine Antilope handelt.

Dies ist der Beginn des logischen Denkens und dieses Denken wird dazu eingesetzt normativ zu wirken. Wer sich nicht an die „objektive Wirklichkeit“ hält, wird als weniger kooperativ angesehen und damit weniger nützlich für das Kollektiv.

Durch Begründungen und Abstraktionen entstehen kollektive Vereinbarungen, also die „objektive Wirklichkeit“ einer Gruppe und weil es sich um einen aufwändigen Prozess handelt, der nicht ständig wiederholt werden kann, wird diese (Interpretation der) Wirklichkeit anschließend den nachfolgenden Generationen unterrichtet. So entsteht Kultur, die sich den unterschiedlichen Lebensräumen anpasst.

„Im Unterschied zu anderen Menschenaffen, die im Allgemeinen alle in der Nähe des Äquators leben, haben sich die modernen Menschen über die ganze Erdkugel ausgebreitet. Das taten sie nicht als Individuen, sondern als Kulturgruppen; in keinem ihrer lokalen Lebensräume konnte ein auf sich allein gestellter moderner Mensch sehr lange überleben.“ S.179

Daran wird die Bedeutung der Gruppe für das Überleben (und damit der Evolution) des Menschen deutlich.

„Ein Effekt dieser großen Welle von Gruppengeist und Konformität bestand in der Selektion von Kulturgruppen, die von einer kumulierten kulturellen Evolution begleitet wurde. Eine Selektion von Kulturgruppen findet statt, wenn Individuen sich ihrer Gruppe in dem Maße anpassen –und sich von anderen Gruppen differenzieren – , dass die Gruppe selbst zu einer Einheit der natürlichen Selektion wird. Auf diese Weise bleiben erfolgreiche kulturelle Anpassungen an lokale Bedingungen erhalten und erfolglose Versuche sterben aus.“ S. 180

Kap. 4: Auseinandersetzungen

Im ersten Teil des Kapitels setzt sich T. kritisch mit anderen Theorien der kognitiven Entwicklung und der sozialen Natur des Menschen auseinander. Dabei widerspricht T. vielen dieser Theorien nicht, findet sie aber unzureichend. Nur selten äußert er sich so klar wie bei der Aussage, dass die Sprache der Ausgangspunkt der Intelligenz des Menschen sei.  „Die Sprache ist der Schlussstein der einzigartig menschlichen Kognition und des Denkens und nicht ihr Fundament.“ S. 190

Im letzten Teil des Kapitels setzt T. sich mit der Ontogenese auch mit Bezug auf die Phylogenese des Menschen auseinander und kommt auf die uralte Frage der Vererbung zu sprechen:

„Nein, Fertigkeiten zur kollektiven Intentionalität sind nicht einfach angeboren oder eine Frage der Reifung; sie sind biologische Anpassungen, die nur durch eine ausgedehnte Ontogenese in einer kollektiv geschaffenen und weitergegebenen kulturellen Umgebung entstehen –wofür mehrere Generationen nötig sind, damit sie in Erscheinung treten können.“ S. 216

Schluss

Natürlich wird T. hier noch einmal grundsätzlicher. Er betont die spekulative, aber dennoch wohlbegründete Theorie, die er hier vertreten hat. Er weist auf fehlende Analysen insbesondere der weiteren evolutionär-kulturellen Entwicklung hin, aber betont, dass der Blick auf die „Natur des Menschen“ (PK) ohne einen Blick auf die Notwendigkeiten einer evolutionäre Entwicklung unvollständig bleiben muss.

„ Uns scheint, dass viele der Verwirrungen über das menschliche Denken, auf die von Philosophen hingewiesen wurde, genau dann entstehen, wenn wir versuchen, es im Abstrakten, außerhalb seiner Funktionen bei der Lösung von Anpassungsproblemen, zu verstehen.“ S.222

Dabei spielt die grundlegend soziale Natur des Menschen die entscheidende Rolle, die die Welt in Form einer Kultur „objektiviert“.

„Unsere eigene Ansicht ist, dass solche objektivierenden Tendenzen nur aus der akteursneutralen, gruppenorientierten Perspektive hervorgehen können, die sich die Dinge aus der Sicht von jedem beliebigen von uns (…) vorstellt, im Kontext einer Welt sozialer und institutioneller Wirklichkeiten, die vor unserer eigenen Existenz liegen und mit einer Autorität sprechen, die größer ist als wir“ S.223

Damit kommt er zum Ende.

Seinen letzten Satz will ich nicht unerwähnt lassen: „ So etwas wie die Hypothese geteilter Intentionalität muss einfach wahr sein.“

Passend dazu ein weiteres hochinteressantes Buch von Joseph Henrich: Die seltsamsten Menschen der Welt – Peter K.

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Herr K. , der ewige Optimist

In einer Zeit in der die Nachrichten und Kommentare das Ende aller Zeiten zu verkünden scheinen, fällt es keinem leicht, seinen Optimismus zu behalten. Wenn ein grausamer Stellungskrieg in der Ukraine keinerlei Aussicht auf Frieden aufkommen lässt, wenn ein grauenvolles Massaker an Israelis den Glauben an die Menschlichkeit raubt, wenn ein entsetzlicher Krieg im Gazastreifen, selbst siegreich, keine Lösung bringen wird, wenn Klimakatastrophe, Artensterben, Flüchtlingskrise, Antisemitismus, Islamophobie, Rechtsradikalismus und nicht zuletzt die Dummheit sich wie eine siebenköpfige Hydra über die Welt auszubreiten scheinen, wenn eine Zeitung uns immerhin noch fünfeinhalb Jahre Zeit gibt, siebzehn Nobelpreisträger hingegen der Meinung sind, dass der Weltuntergang lediglich neunzig Sekunden entfernt sei, dann sinkt selbst beim Stärksten der Mut!

In dieser Zeit wird Herr K. gefragt, wie er das alles aushalte und er antwortet für seine Verhältnisse ungewöhnlich persönlich:
„Zuerst habe ich versucht die Nachrichten zu ignorieren, aber das ist unmöglich.
Dann habe ich versucht, mich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass der Weltuntergang schon seit Jahrtausenden angekündigt und doch immer wieder aufgeschoben wird.
Aber meine Laune besserte sich nicht.
Außerdem habe ich Geld gespendet, auf Müllvermeidung geachtet, Energie gespart, das Flugzeug vermieden, wenig Fleisch gegessen, weil ich mir so wenigstens sagen kann, dass es nicht an mir gelegen hat.“

„Ja, das kennen wir“, stimmen die Fragenden zu. „So ähnlich machen wir das auch.“

„All das hat nichts genutzt“, setzt Herr K. fort.  „Aber was mich doch beruhigt, ist der Blick ‚on the long run‘, wie der Amerikaner sagt, denn das Erstaunliche ist, es wird seit Jahrzehnten besser.“

Als er die ungläubigen Blicke seiner Zuschauer sieht, holt er zu einem kleinen Vortrag aus:

„Seit dem Zweiten Weltkrieg haben sowohl kriegerische Auseinandersetzungen als auch die Armut auf der Welt permanent abgenommen1 und das gibt Anlass zur Hoffnung. Ich glaube, dass die Völker der Welt auf dem Weg sind zu begreifen, dass sie die Probleme nur gemeinsam lösen können. Natürlich ist das ein sehr langer Prozess und vermutlich dauert er nicht nur ein paar Jahrzehnte sondern Jahrhunderte und zwischendurch wird es viele Rückschläge und selbstgemachte Katastrophen geben. Aber der Mensch lernt aus Krisen und Katastrophen, wenn auch langsam. Sehen Sie sich Europa an. Jahrhundertelang herrschte immer wieder Krieg. Seit fast achtzig Jahren ist das innerhalb dessen, was wir heute Europäische Union nennen, vorbei. Europa ist ein Beispiel wie es gehen kann, die Weltklimakonferenzen ein anderes. Sie bringen vielleicht nicht sofort die gewünschten Ergebnisse, sind aber ein Schritt hin zum gemeinsamen Verständnis der Welt.
Ich gebe zu, bevor die Menschheit wirklich so weit ist, wird noch viel Unglück geschehen, aber in zweihundert oder dreihundert Jahren werden die Historiker vielleicht zurückschauen und sagen, damals, da haben weise Frauen und Männer den Blick geweitet, da hat es begonnen.“

Herr K. schaut in die skeptischen bis verzweifelten Gesichter seiner Zuhörer, als einer sich erhebt und fragt: „Und was können wir jetzt tun?“

Herr K. lächelt und meint: „Weitermachen. Wie bisher!“

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auch lesenswert: Herr K. und ein Wunder – Peter K.

  1. siehe Vortrag von Prof. Tanja Börzel (Freie Universität Berlin) am 16.10.2023 ↩︎
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Zur Nachahmung empfohlen: Wohnung tauschen

Tausende kommen jeden Tag als Touristen nach Paris. Millionen haben über Paris geschrieben. Milliarden Fotos kursieren auf Instagram oder Facebook.
Was soll man noch schreiben?
Gibt es etwas Neues zu berichten?

Nein!

Es sei denn über das Bild des alten Juden, dass an der Wand unserer Wohnung im zweiten Arrondissement hängt. Ein graubärtiger Mann mit Nickelbrille, der – es ist nicht zu erkennen – einen Faden in eine Nadel einzufädeln scheint. Er schaut nach oben, gegen das Licht. Seine Hände hält er direkt vor seine Gesicht, fast wie zum Gebet erhoben. Er ist sehr konzentriert. Pointilistisch wirkt es, aus lauter winzigen Punkten. Ein schönes Bild, dass unsere Wohnungstauschpartnerin gehört und in ihrem Wohnzimmer aufgehängt hat. Für mich ist es das aufregendste Bild in der kleinen Wohnung, wo wir zehn Tage verbringen dürfen. Es ist ein altes Haus, in diesem sehr alten Viertel, dass bereits seit dem 16. Jahrhundert existiert. Vor der Tür tobt das Leben, ein Café rechts, ein Café gegenüber, Dutzende Restaurants, Geschäfte, Supermarché um die Ecke.

In der Zeit unseres Aufenthalts lebt Héléne in unserer Wohnung in Berlin, die sicher doppelt so groß wie die in Paris, aber weiter weg vom turbulenten Leben.

Vor einigen Jahren erzählte mir ein Mann, dass in Paris das Gerücht kursiere, man könne sich in Berlin Wohnungen leisten, wo man Tische mit acht Stühlen aufstellen kann. Wir haben einen Tisch mit zehn Stühlen. Aber die Zeiten haben sich auch in Berlin geändert, noch sind wir aber weit von Pariser Verhältnissen entfernt.

In der kleinen Pariser Wohnung hat Héléne mit ihrem Partner gelebt. Er ist tot. Sie ist Juristin. Irgendwie ist sie mit Rosa Luxemburg verwandt. Ich kenne sie nicht, aber sie ist mir sympathisch. Wenn man das Wohnzimmer einer Unbekannten betritt, dann betritt man das Museum ihres Lebens.

Wir fühlen uns wohl hier. Das Wohnzimmer – eigentlich eine Wohnküche – ist gemütlich. Ein rotes Sofa beherrscht den Raum. Bilder, Bücher, ein Tisch, vier Stühle, eine Dantefigur auf dem Kaminsims. Eine uralte Holzbalkendecke über uns. Oben drüber spielt manchmal jemand Klavier, es klingt schön. Es ist kein Meisterpianist, aber auch keine Dilettantin. Es wiegt einen in den Schlaf. Im Schlaf, wenn man das Ohr auf die Matratze legt, hört man ganz leise das Rattern der Metro, die in der Nähe vorbeifährt. Wenn ich Nachts wach werde, stelle ich mir vor, wie sich dieser hell erleuchtete Wurm mit den Menschen durch den dunklen Untergrund bewegt.

Das Schöne an diesem Aufenthalt ist, dass wir keinen Stress haben. Wir müssen keine Baedeker Sterne abarbeiten. Wir gehen vor die Tür, kaufen Lebensmittel ein, trinken Café, fallen zufällig in eine Ausstellungseröffnung, machen einen Nachmittagsschlaf. Abends kochen wir oder gehen essen. Wie es uns gefällt. Der Louvre ist nicht weit. Das Centré Pompidou noch näher.

Im Louvre erstaunt uns, wie viele Menschen sich vor der Mona Lisa drängeln, aber andere Meisterwerke von Leonardo, Raphael oder Caravaggio kaum eines Blickes würdigen.

Das Leben ist anders hier. Es scheint als lebe man mehr in der Öffentlichkeit, im Café, im Restaurant, im Park, vermutlich auch, weil es hier weniger Wohnungen gibt, wo man einen Tisch mit acht Stühlen aufstellen kann.

auch interessant: Herr K. und das Reisen – Peter K.

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Herr K. und die Ironie der Geschichte

Zufällig geraten Herr K. und sein Begleiter in eine öffentliche Diskussion über Migration. Ihnen wird ganz schwindelig von den Dummheiten, die ihm um die Ohren fliegen.

„Die sollen zu Hause bleiben“, schreit ein junger, gutaussehender Mann und viele nicken.
Mit hasserfüllter Stimme kreischt eine alte, korpulente Frau: „Das sind doch alles Terroristen.“
„Und die wollen nur unser Geld“, ergänzt wütend eine Frau mit Baby auf dem Arm.
“Die zerstören uns“, skandiert eine kleine Gruppe aufgebrachter Männer.
Ein Mann in einem Jogginganzug brüllt: „Die vergewaltigen unsere Frauen.“

Herr K. und sein Begleiter haben genug gehört und verlassen die denkwürdige Veranstaltung. Lange gehen sie schweigend.
„Vielleicht sorgt die Geschichte doch für Gerechtigkeit“, sagt Herr K. nachdenklich.
Der Begleiter schaut ihn verwirrt an: „Ich verstehe nicht.“
„Wie Sie wissen, waren es die Europäer, die seit 500 Jahren mit Waffen in die Welt hinauszogen und sich überall wie Terroristen aufführten. Die Europäer haben getötet, massakriert, vergewaltigt, die Menschen versklavt, die Schätze geraubt und die Gesellschaften zerstört. Dem hatten die überfallenen Länder und Kulturen nichts entgegen zu setzen und kein Gott hat die Menschen vor dieser Flut bewahrt.   Heute kommen die Menschen jener Länder zu uns. Sie suchen ein besseres Leben. Sie kommen ohne Waffen, sie versklaven niemanden, es gibt keine Massenvergewaltigungen, aber wir befürchten genau das, was wir ihren Vorfahren angetan haben. Ist das späte Gerechtigkeit oder doch nur die Ironie der Geschichte?“

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Herr K. und ein Missverständnis

Herr K. besucht eine alte Freundin. Er ist bedrückt und versucht es zu überspielen. Die Freundin kennt ihn aber gut genug und will wissen, was los ist. Also beginnt er zu erzählen.

„Gestern ist mir etwas wirklich Blödes passiert. Ich bin Fahrrad gefahren und fuhr bei Gegenwind die wenig belebte Straße entlang. Auf der rechten Straßenseite kam mir eine schwarze Frau entgegen. Wie Du weißt, schaue ich mir immer gerne Menschen an und wie es sich ergab, schauten wir uns direkt in die Augen. Mir machte der Wind und eine leichte Steigung zu schaffen – ich bin nicht mehr der Jüngste – und ich streckte – während ich der Frau in die Augen schaute – meine Zunge raus, so wie man es macht, um einer Anstrengung Ausdruck zu verleihen. Den Bruchteil einer Sekunde später wurde mir klar, dass die Frau kaum eine andere Chance hatte, als die rausgestreckte Zunge als Beleidigung anzusehen. Augenblicklich wollte ich diesen Fauxpas ‚wieder gut machen‘ und schickte ein Grinsen hinterher, bog im selben Moment ab und war aus ihrem Blickfeld verschwunden. Erst da wurde mir klar, dass das hinterhergeschickte Grinsen, die Sache nur verschlimmbessert hatte. Das Ganze ist mir unendlich peinlich. Was muss diese Frau über mich denken?“

„Ja“, sagt die Freundin, „das ist eine blöde Situation. Wenn die Frau es tatsächlich so aufgefasst hat, wie Du vermutest, dann muss man aber auch festhalten, dass sie in diesem Fall ihrem eigenen Vorurteil aufgesessen ist.“

„Sicher, da hast Du recht, aber vielleicht gibt es für dieses Vorurteil auch gute Gründe“, entgegnet Herr K.

K.s Freundin runzelt die Stirn und meint: „Das mag sein, aber trotzdem sind Vorurteile die Ursache der meisten Missverständnisse.“

Auch interessant: Herr K. und seine Gewissensnöte