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Herr K. und seine Gewissensnöte

„Vor 40 Jahren haben Sie den Kriegsdienst verweigert, mit der Begründung, dass es sie in zu große Gewissensqualen stürzen würde, wenn sie einen Menschen töten müssten. Daran, so sagten Sie, würden Sie zerbrechen.“
„Ja“, antwortete Herr K.
„Und heute?“
„Heute zerbreche ich an der Erkenntnis, dass das Schlimmste manchmal nur mit Gewalt und Krieg verhindert werden kann.“

„Würde es Sie in einem solchen Fall immer noch in Gewissensqualen stürzen, einen Menschen zu töten?“
„Ja“, sagte Herr K., „aber ich hätte die Hoffnung, damit das Schlimmste zu verhindern.“

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Herr K. im Wartezimmer

Herr K. war heute beim Gastrologen:
Eine alte Frau kommt vom Arztgespräch ins gut gefüllte Wartezimmer und sagt strahlend in die Runde:
„Es ist kein Krebs!“
Alle fangen an zu klatschen!
Herr K. muss schlucken.

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Herr K. und ein Wunder

Gestern war Herr K. zu einem Abendessen eingeladen. Mit am Tisch saß Deborah, eine amerikanische Freundin des Gastgebers und die erzählte eine Geschichte, die sich wie eine antike Tragödie mit Happy End anhört.

Deborah wuchs in einer typischen, amerikanischen Vorstadtfamilie in der Nähe von New York auf. Allerdings ganz so typisch war die Familie doch nicht, denn die Eltern hatten ihre drei Kinder, zwei Söhne und eben Deborah adoptiert.

Jason, der mittlere Sohn, war stets ein introvertiertes Kind gewesen, schweigsam, immer mit sich beschäftigt und schon früh an Musik und Poesie interessiert. Dieses Interesse wurde bei dem älter werdenden Jungen immer stärker. Mit 14 Jahren kreisten seine Gedanken ausschließlich um Musik und Poesie. Es war klar, Jason wollte Musiker werden.

Der Vater, ein anerkannter Arzt, war ein liebevoller und verantwortungsbewusster Vater und machte sich, wie alle Väter, Sorgen um die Zukunft seines Sohnes. Brotlose Musik war nicht, das was er sich für seinen Sohn erträumte und er versuchte Jason davon abzubringen und drängte ihn einen anderen Weg einzuschlagen. Jason wehrte sich gegen dieses Ansinnen, aber scheinbar um den Preis, dass er immer stärkere, psychische Probleme zeigte. Er litt unter schweren Depressionen, Selbstmordgedanken und unter schizophrenen Schüben.

Wie bei adoptierten Kinder üblich, kam auch bei Jason die Phase, als er mehr über seine leiblichen Eltern erfahren wollte, aber es gab keine Information, denn, soviel erfuhr er, man hatte ihn im Mai 1969 als Neugeborenen in einer Babyklappe eines Krankenhauses in New Jersey gefunden.

Jason wurde Musiker, aber er blieb eine fragile Persönlichkeit.

Viele Jahre später, Jason war bereits über vierzig, machten seine Adoptiveltern Ferien in Vermont und lasen in der New York Times den Leserbrief einer Frau, die zu einem Artikel über Babyklappen Stellung nahm. Die Autoren des Artikel hatten die These aufgestellt, dass Mütter, die Kinder an einer Babyklappe abgeben, großes emotionales Leid verspüren müssten. Diese Frau aber schrieb, dass sie, anders als behauptet, keine großes Leid gehabt habe, als sie ihren Sohn im Mai 1969 in einer Babyklappe eines Krankenhauses in New Jersey abgelegt habe. Im Gegenteil sie war froh über diese Möglichkeit, sie habe gute Gründe für diesen Schritt gehabt und sie glaube nach wie vor, dass es das Beste für das Kind gewesen sei.

Die Eltern von Jason waren elektrisiert, denn es war nahezu unmöglich, dass es keinen Zusammenhang zwischen Jason und dieser Leserbriefschreiberin gab. Die Eltern informierten Jason und es gelang Kontakt mit dieser Frau aufzunehmen, die sich tatsächlich als seine Mutter herausstellte. Natürlich wollte Jason seine Mutter kennenlernen, aber um den fragilen Jason nicht mit dieser schwierigen, hochemotionalen Situation alleine zu lassen, organisierten die Eltern ein Treffen mit ihnen selbst, der leiblichen Mutter und Jason.

Herr K. erfuhr nicht genau, wie dieses Treffen ablief, aber, so berichtete Deborah, als Jason leibliche Mutter erzählte, dass Jasons Erzeuger aus einer Musikerfamilie stammte, stammelte Jasons Vater entsetzt: „Und ich Idiot habe mein Leben lang versucht, Jason davon abzubringen, Musiker zu werden.“

Für Jason war das der Moment an dem nach langer Dunkelheit, endlich die Sonne durch die Wolken brach und ihm Licht und Wärme brachte.

Deborah berichtet, dass Jasons schizophrenen Schübe, Depressionen und Selbstmordgedanken von Stund an verschwunden waren.

Herrn K. kommentierte dies mit der Bemerkung: „Was einmal mehr zeigt: ‚Es gibt kein richtiges Leben im falschen‘.“[i]

[i] Theodor W. Adorno: Minima Moralia

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Herr K., die Menschen und die Natur

Herr K. geriet in eine Diskussion junger Leute. Mit Freude hörte er ihrem Enthusiasmus und ihren Überzeugungen zu. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stand die Zerstörung der Natur durch den Menschen und alle waren sich einig, dass es daran läge, dass der Mensch nicht der Natur entsprechend lebe, ja, es wurde behauptet, dass der Mensch eine Fehlentwicklung der Natur sei.

Da warf Herr K. ein: „Die Natur ist stärker als der Mensch. Wenn der Mensch tatsächlich eine Fehlentwicklung der Natur ist, dann wird die Natur das korrigieren, es sei denn, der Mensch ist nicht Teil der Natur.“

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Herr K. und die Dummheit der Menschen

„Warum sind sie so unglücklich?“, wurde Herr K. von einer Schülerin gefragt.

„Ich bin unglücklich, weil die Menschen so dumm sind“, antwortete er.

„Aber es gibt auch kluge Menschen“, versuchte die Fragende ihn ein wenig zu entkräften, „und sie sind sicher einer davon.“

„Bin ich etwa kein Mensch?“, fragte Herr K. erstaunt.

P.S. Vielleicht fällt Euch jemand ein, dem diese Geschichte auch gefallen würde. Dann schreibt dem- oder derjenigen doch eine kurze Mail mit dem Link.
Danke!
Euer Peter K.

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Herr K. und die Demokratie

Eines Tages ging Herr K. in eine Eckkneipe, trat an die Theke und bestellte ein Bier. Der Gast neben ihm verwickelte ihn in ein Gespräch und kam nach kurzer Zeit auf die Politik zu sprechen. Für gewöhnlich vermied Herr K. politische Gespräche, aber er wollte nicht unhöflich sein. Der Mann schimpfte wie ein Rohrspatz über Politiker, die dumm seien, keine Ahnung hätten und sich nicht trauen würden, einmal hart durchzugreifen. „Das Schlimmste aber ist“, so seine Worte, „dass es ihnen immer nur um ihre eigene Macht geht.“

An dieser Stelle holte Herr K. tief Luft, um zu signalisieren, dass er etwa sagen wolle. Der Redner, wohl auf Zustimmung hoffend, machte eine erwartungsvolle Pause, worauf Herr K. sagte: „Macht ist und war immer verführerisch, genau aus diesem Grund wurde die Demokratie erfunden.“

P.S. Vielleicht fällt Euch jemand ein, dem diese Geschichte auch gefallen würde. Dann schreibt dem- oder derjenigen doch eine kurze Mail mit dem Link.
Danke! Euer Peter K.

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Herr K. und die Angst

Herr K. traf eine Freundin, die einen bedrückten Eindruck machte. Auf die Frage, was los sei, erzählte sie, dass die Arbeit in der Klinik sie sehr belastet. Es gäbe nicht genügend Personal, daher müsse sie mehr als 60 Stunden die Woche arbeiten. Dazu kämen Rufbereitschaften als leitende Oberärztin, die dazu führten, dass sie sich am Wochenende nicht erholen könne. Das Privatleben würde unter dieser Situation zunehmend leiden. Manchmal sei sie verzweifelt.

Auf die Frage von Herrn K. warum sie sich nicht eine andere Arbeit suche, meinte sie: „Davor habe ich Angst.“

Herr K. schwieg eine Weile nachdenklich und entgegnete dann:
„Wo die Angst ist, ist die Tür.“

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Eine merkwürdige Begebenheit

Sie hat einen Mann aus Albanien geheiratet.
War das eine Aufregung! Schockierte Eltern.
Albaner? Verbrecher!
Heute ist das anders. Es ist der liebste Schwiegersohn.
Sie hat albanisch gelernt. Bei den Schwiegereltern. Auf dem Dorf. In Albanien.
Bitterste Armut.
Der Sohn und seine Frau haben ein schönes Haus.
In Deutschland.

Die Schwiegereltern kommen zu Besuch.
Während des Frühstücks, nimmt der Schwiegervater Kaffeetasse und Stuhl und setzt sich vor die Haustür.
Sie wundert sich. Sie fragt: „Vater, was machst Du da?“
Er: „Ich warte auf die Müllabfuhr.“
Sie, verwirrt: „Warum wartest Du auf die Müllabfuhr?“
Er: „Du hast gesagt, dass um 10 Uhr die Müllabfuhr kommt, und ich will wissen, ob das wahr ist.“

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Wie man eine kostenlose Bahncard bekommt

Die Bahn ist besser als ihr Ruf, meistens jedenfalls. Natürlich gibt es Verspätungen, aber bei so einem komplexen Verkehrssystem ist dies unvermeidlich. Die Züge sind weitgehend gepflegt und den schlechten Service kann der Autor nicht bestätigen. Das mag daran liegen, dass der Autor ist in einem Alter ist, wo er noch den schmuddeligen Kölner Hauptbahnhof erlebt hat, in dem er sich eine Stunde in eine Schlange stellte, um eine Fahrkarte plus Reservierung zu erwerben. War er endlich an der Reihe, musste der Schalterbeamte für die Reservierung in Frankfurt anrufen (da war meistens besetzt) und sich, wenn er nach 20 Minuten jemanden erreicht hatte, eine Platzreservierung geben lassen. Das war wirklich so! Was die Bahn also in den letzten 30 Jahren geschafft hat, ist bemerkenswert.

Der geneigte Leser merkt: der Autor mag die Bahn, nur eines mag der Autor überhaupt nicht: Abonnements.

Die Bahncard ist ein Abonnement. Hat man sich einmal zum Kauf einer Bahncard entschieden, dann bekommt man „lebenslänglich“. Läuft die alte Karte im Januar aus, bekommt man die neue Bahncard im Dezember ins Haus geschickt. Der Autor hat es sich deshalb zur Regel gemacht, das Abonnement der Bahncard, unmittelbar nach dem Erwerb zu kündigen. Er entscheidet dann, wann er die nächste Bahncard kauft.

Viele Jahre war das kein Problem. Im Jahr 2009 allerdings hat der Autor einen entscheidenden Fehler gemacht. Der Autor vergaß in der Kündigung zu erwähnen, dass diese erst zum Laufzeitende am 5.1.2010 gelten solle.

Zwei Wochen nach seiner Kündigung erhielt der Autor ein Schreiben der Bahn, dass er bitte seine Bahncard zurückschicken möge, damit ihm das Geld erstattet werden könne.

Der Autor war empört! Jetzt sollte er seine Bahncard zurückschicken (was er nicht tat) und hätte damit keine mehr. Er wandte sich in seinem Zorn an eines dieser kafkaesken Callcenter. Die Dame dort war freundlich und meinte er solle sich keine Sorgen machen, es würde einfach eine neue Karte zugesendet. Der Autor war nicht ganz zufrieden, da er glaubte, in den nächsten zwei Wochen keine ermäßigten Tickets kaufen zu können. Aber die moderne Bahn ist flexibel, denn auch dieses Problem konnte gelöst werden. Die Angestellte des Kafkaschen Schlosses (sprich die Call Center Mitarbeiterin) sorgte dafür, dass der Autor (Peter K.) sich an einem Bahnschalter erneut eine vorläufige Bahncard abholen konnte.

Soweit so gut. Zwei Wochen später fand Herr K. jedoch ein weiteres Schreiben der Deutschen Bahn in seinem Briefkasten mit dem Inhalt: Sie haben gekündigt etc.

Voller Ärger rief Herr K. im Kafkaschen Schloss an und verlangte eine Klärung: Er wolle gar nicht kündigen, er wolle nur einfach eine gültige Bahncard, das habe er schon vor vier Wochen gesagt. Die Dame im Schloss war freundlich und meinte: „Sie erhalten Ihre Bahncard auf jedem Fall, da hat die Kollegin einfach einen Fehler gemacht.“ Herr K., halbwegs beruhigt von der kompetenten Stimme der Schlossangestellten legte auf und dachte sich, „Na gut, kann ja mal passieren.“

Zirka eine Stunde später rief die Dame aus dem Schloss wieder an: „Herr K.“ sagte sie, „es ist jetzt folgende Situation: Die Buchhaltung hat Ihnen die 220 Euro für die Bahncard gestern auf Ihr Konto überwiesen. Was machen wir denn jetzt, also ich würde Ihnen ja empfehlen sich einfach eine neue Bahncard zu kaufen, aber natürlich stellen wir Ihnen auch gerne eine Bahncard mit der Gültigkeit bis 5.1.2010 aus.“ Der Herr K. verstand allmählich – Herr K. ist gelegentlich etwas begriffsstutzig – dass die Situation sich zu seinem Vorteil entwickelt hatte, weil nun seine neue Bahncard zwei Monate länger gültig sein würde.

Er war befriedigt, bedankte sich bei der Schlossangestellten für ihr Engagement und legte auf.

Tatsächlich stellte Herr K. einen Zahlungseingang von 220€ fest. Er freute sich, da er zwei Monate lang zu Bahncardtarifen gereist war, ohne eine Bahncard bezahlt zu haben.

Vielleicht glaubt der geneigte Leser das nicht, aber erst Tage später wunderte sich Herr K.: er besaß eine Plastik-Bahncard, auf der stand: „Gültig bis 5.1.2010“. Konnte er damit nicht Bahn fahren zu Bahncardpreisen?

Er kann! Herr K. hat es probiert.

Leider konnte er keine Bahnbonuspunkte mehr sammeln oder bestehende Punkte gegen 1. Klasse Tickets einlösen, aber er fuhr zum halben Preis in ganz Deutschland! Dem Schloss sei Dank!

Wie man in Kafka’s „Das Schloss“ nachgelesen werden kann, ist Herr K. aber ein aufrechter Charakter, deshalb hat er die Geschichte aufgeschrieben und zusammen mit einen Scheck über 220€ an den Bahnchef gesandt, mit der Bitte, eine legale Bahncard zu erhalten.

Nachtrag:
Herr K. erhielt einige Wochen später seinen Scheck zurück. Der begleitende Brief des Kundenservice sagte aus, dass man Herrn K. leider nicht helfen könne, er solle sich doch eine neue Bahncard am Schalter kaufen. Für die entstandenen Unannehmlichkeiten wurde eine Reisegutschein in Höhe von 40€ beigelegt.

Diese Geschichte ist – auch wenn sie sich märchenhaft anhört – kein Märchen, sondern wahr!

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Geschichten meines Großvaters: Recht und Gerechtigkeit

Eine Parabel

Justizia: Keine Schönheit

Eines Tages kam ich empört zu meinem Großvater, weil ein Mörder vor Gericht freigesprochen wurde, obwohl er eindeutig schuldig war.
„Das ist keine Gerechtigkeit, das darf nicht sein,“ sprach ich mit der zweifelsfreien Überzeugung der Jugend.
„Du hast recht“, sagte er, „das ist keine Gerechtigkeit, das ist Recht“, und er erklärte mir den Unterschied.
„Recht und Gerechtigkeit sind zwei Schwestern. Die eine, sie trägt den Namen Gerechtigkeit, ist eine verführerische Schönheit. Die begehrenswerteste Frau, das Du Dir vorstellen kannst. Einmal mit ihr zu schlafen, ist das größte Glück, keine Frau kommt ihr gleich. Bist Du aber in ihre Fänge geraten, dann steigt der Preis für die Erfüllung Deiner Sehnsucht. Erst verlangt sie, dass Du auf die Knie gehen musst, später musst Du Dich erst geißeln, bevor Du sie küssen darfst. Sie verlangt immer mehr, erst dann, so sagt sie, kann sie Dich erhören. Also beugst Du Dich, immer tiefer, bis Du im Staube kriechst und leidest wie ein Hund, denn das höchste Glück, ist ein Kuss von ihr.
Irgendwann aber wendet sie sich dem Nächsten zu und verspricht sich jenem.

Die andere Schwester, sie heißt Recht, ist nicht hässlich, aber auch nicht attraktiv. Sie ist zänkisch, aber eine gute Mutter für Deine Kinder. Mit ihr zu schlafen, hilft Dir, dass Du nicht jede Nacht wie ein Hund um die Häuser streunen musst. Sie kocht für Dich, wenn Du hungrig bist und sie setzt Dich vor die Tür, wenn Du ein falsches Wort sagst.
Insgesamt kannst Du sie ertragen, auch wenn sie manchmal unerträglich ist.
Recht ist eine langweilige Hausfrau, mit ihr kommst Du sicher nicht ins Paradies.
Gerechtigkeit dagegen ist eine launische Dirne, mit ihr kommst Du ganz sicher in die Hölle.