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Der Armlehnenkämpfer

Kennen Sie Armlehnenkämpfer? Sie begegnen ihnen meistens in Flugzeugen. Manchmal in Zügen, da aber eher selten. Der Armlehnenkämpfer fliegt Economieclass. Vom eigenen Gefühl her, müsste er aber in der Businessclass sitzen. Vermutlich ist das sein Hauptproblem. Er – in den allermeisten Fällen ist der Armlehnenkämpfer männlich – ist ein Mann in den besten Jahren. Der junge, männliche Flugreisende glaubt, er schafft es noch bis in die Businessclass und kämpft deswegen noch nicht um die Armlehne. Der Alte hat es nicht dorthin geschafft, aber seinen Frieden damit geschlossen.

Natürlich gibt es Ausnahmen.

Die Armlehnenkämpferspezies ist nicht allzu verbreitet. Leider gibt es keine wissenschaftlichen Untersuchungen zur Zahl der Armlehnenkämpfer, aber nach nicht repräsentativen Befragungen trifft es auf ungefähr bei 2 – 4 Prozent der Flugreisenden zu. Mit anderen Worten: man trifft ihn nicht oft, aber wenn man auf ihn trifft, dann hat man ein Problem.

Der Armlehnenkämpfer erhebt – gleichgültig ob er am Fenster, in der Mitte oder am Gang sitzt Anspruch auf die Armlehne oder auf beide, je nachdem. Nicht ein bisschen Armlehne, nicht abwechselnd, nicht gelegentlich. Er ist Herrscher der Armlehne. Daran lässt er – schon beim Hinsetzen – keinen Zweifel aufkommen.

Natürlich hat er keine extra Option bei der Internetbuchung angeklickt: „Armlehnenanspruch – verschaffen Sie sich mehr Komfort auch in der Holzklasse für nur 6 Euro pro Armlehne, beim Mittelplatz 10 Euro für beide Lehnen.“ Darauf sind die Fluglinien noch nicht gekommen, sollten die aber mal drüber nachdenken. Somit hat der Armlehnenkämpfer kein Papier mit dem er seinen Anspruch auf Armlehnen rechtfertigen oder einklagen könnte. Darum ist er kein Armlehnenanspruchsbesitzer, sondern ein Kämpfer.

Und wie er kämpft! Haben Sie es beispielsweise geschafft, in einem Moment seiner Unachtsamkeit, Ihren Arm auf der Lehne abzulegen, dann kehrt sein Arm zurück und bedrängt Sie, drückt, macht sich breit. Dabei beherrscht er ganz hervorragend die Kunst, nicht offen aggressiv aufzutreten. Er schiebt Ihren Arm nicht wie ein leeres Glas einfach beiseite, sondern er übt Druck aus, permanent, es ist unangenehm und spürbar aggressiv. Aber es ist nicht beweisbar. Sie  – das Opfer – können ihn also nicht laut anklagen, nach der Devise: „Was fällt Ihnen eigentlich ein, mich hier von der Armlehne zu schubsen!“. Sie haben nur die Wahl: Kämpfen oder Kapitulieren! Beides ist gleichermaßen unangenehm.

Ich empfehle Ihnen: Kapitulieren Sie, es sei denn Sie sind Armlehnenkämpfer!

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Herr K. und die Empörung

Heute fuhr Herr K. mit der S-Bahn. Es war nicht sehr voll. Am Botanischen Garten steigt ein leicht verwahrloster, aber freundlicher und sehr kommunikativer Gitarrenspieler in den Waggon. Er spielt ein Lied, sammelt ein wenig Geld ein und redet dabei mehr mit sich selbst, als mit den Fahrgästen. Ein Alleinunterhalter, freundlich, ein wenig aufdringlich, aber nicht unangenehm. Zwischen Herrn K. und ihm entwickelt sich ein kleiner Dialog ohne viel Sinn, aber so, dass alle drumherum es mitbekommen.

Gegenüber von Herrn K. sitzt eine gutaussehende Frau in den 30ern. Mitten in dem kleinen Dialog mit Herrn K. platziert sie, in Richtung des Musikanten, ein lautes, übles, verächtliches: „Fuck you“.

Der Gitarrenspieler reagiert überraschend souverän, vielleicht weil er mit Beschimpfungen vertraut ist, während sie ihre Bosheit durch Wiederholung bekräftigt. Ein junger Mann daneben schüttelt den Kopf.

Am Mexikoplatz verlässt der Musiker den Wagen. Am Endbahnhof steigen die Frau, der junge Mann und Herr K. aus. Da tippt der junge Mann der Frau auf die Schulter und sagt sehr freundlich aber laut vernehmbar: „Excuse me Madam …. fuck you!“

Herr K. musste lächeln, auch wenn zwei ältere Damen, die zufällig daneben stehen, sich über diesen unverschämten jungen Mann empören.

‚Sehr oft,‘ denkt Herr K. anschließend‚ ‚sind die Ereignisse nicht so, wie sie scheinen, besonders wenn sich Menschen empören.‘

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Herr K. und seine Gewissensnöte

„Vor 40 Jahren haben Sie den Kriegsdienst verweigert, mit der Begründung, dass es sie in zu große Gewissensqualen stürzen würde, wenn sie einen Menschen töten müssten. Daran, so sagten Sie, würden Sie zerbrechen.“
„Ja“, antwortete Herr K.
„Und heute?“
„Heute zerbreche ich an der Erkenntnis, dass das Schlimmste manchmal nur mit Gewalt und Krieg verhindert werden kann.“

„Würde es Sie in einem solchen Fall immer noch in Gewissensqualen stürzen, einen Menschen zu töten?“
„Ja“, sagte Herr K., „aber ich hätte die Hoffnung, damit das Schlimmste zu verhindern.“

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Herr K. im Wartezimmer

Herr K. war heute beim Gastrologen:
Eine alte Frau kommt vom Arztgespräch ins gut gefüllte Wartezimmer und sagt strahlend in die Runde:
„Es ist kein Krebs!“
Alle fangen an zu klatschen!
Herr K. muss schlucken.

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Herr K. und ein Wunder

Gestern war Herr K. zu einem Abendessen eingeladen. Mit am Tisch saß Deborah, eine amerikanische Freundin des Gastgebers und die erzählte eine Geschichte, die sich wie eine antike Tragödie mit Happy End anhört.

Deborah wuchs in einer typischen, amerikanischen Vorstadtfamilie in der Nähe von New York auf. Allerdings ganz so typisch war die Familie doch nicht, denn die Eltern hatten ihre drei Kinder, zwei Söhne und eben Deborah adoptiert.

Jason, der mittlere Sohn, war stets ein introvertiertes Kind gewesen, schweigsam, immer mit sich beschäftigt und schon früh an Musik und Poesie interessiert. Dieses Interesse wurde bei dem älter werdenden Jungen immer stärker. Mit 14 Jahren kreisten seine Gedanken ausschließlich um Musik und Poesie. Es war klar, Jason wollte Musiker werden.

Der Vater, ein anerkannter Arzt, war ein liebevoller und verantwortungsbewusster Vater und machte sich, wie alle Väter, Sorgen um die Zukunft seines Sohnes. Brotlose Musik war nicht, das was er sich für seinen Sohn erträumte und er versuchte Jason davon abzubringen und drängte ihn einen anderen Weg einzuschlagen. Jason wehrte sich gegen dieses Ansinnen, aber scheinbar um den Preis, dass er immer stärkere, psychische Probleme zeigte. Er litt unter schweren Depressionen, Selbstmordgedanken und unter schizophrenen Schüben.

Wie bei adoptierten Kinder üblich, kam auch bei Jason die Phase, als er mehr über seine leiblichen Eltern erfahren wollte, aber es gab keine Information, denn, soviel erfuhr er, man hatte ihn im Mai 1969 als Neugeborenen in einer Babyklappe eines Krankenhauses in New Jersey gefunden.

Jason wurde Musiker, aber er blieb eine fragile Persönlichkeit.

Viele Jahre später, Jason war bereits über vierzig, machten seine Adoptiveltern Ferien in Vermont und lasen in der New York Times den Leserbrief einer Frau, die zu einem Artikel über Babyklappen Stellung nahm. Die Autoren des Artikel hatten die These aufgestellt, dass Mütter, die Kinder an einer Babyklappe abgeben, großes emotionales Leid verspüren müssten. Diese Frau aber schrieb, dass sie, anders als behauptet, keine großes Leid gehabt habe, als sie ihren Sohn im Mai 1969 in einer Babyklappe eines Krankenhauses in New Jersey abgelegt habe. Im Gegenteil sie war froh über diese Möglichkeit, sie habe gute Gründe für diesen Schritt gehabt und sie glaube nach wie vor, dass es das Beste für das Kind gewesen sei.

Die Eltern von Jason waren elektrisiert, denn es war nahezu unmöglich, dass es keinen Zusammenhang zwischen Jason und dieser Leserbriefschreiberin gab. Die Eltern informierten Jason und es gelang Kontakt mit dieser Frau aufzunehmen, die sich tatsächlich als seine Mutter herausstellte. Natürlich wollte Jason seine Mutter kennenlernen, aber um den fragilen Jason nicht mit dieser schwierigen, hochemotionalen Situation alleine zu lassen, organisierten die Eltern ein Treffen mit ihnen selbst, der leiblichen Mutter und Jason.

Herr K. erfuhr nicht genau, wie dieses Treffen ablief, aber, so berichtete Deborah, als Jason leibliche Mutter erzählte, dass Jasons Erzeuger aus einer Musikerfamilie stammte, stammelte Jasons Vater entsetzt: „Und ich Idiot habe mein Leben lang versucht, Jason davon abzubringen, Musiker zu werden.“

Für Jason war das der Moment an dem nach langer Dunkelheit, endlich die Sonne durch die Wolken brach und ihm Licht und Wärme brachte.

Deborah berichtet, dass Jasons schizophrenen Schübe, Depressionen und Selbstmordgedanken von Stund an verschwunden waren.

Herrn K. kommentierte dies mit der Bemerkung: „Was einmal mehr zeigt: ‚Es gibt kein richtiges Leben im falschen‘.“[i]

[i] Theodor W. Adorno: Minima Moralia

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Herr K., die Menschen und die Natur

Herr K. geriet in eine Diskussion junger Leute. Mit Freude hörte er ihrem Enthusiasmus und ihren Überzeugungen zu. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stand die Zerstörung der Natur durch den Menschen und alle waren sich einig, dass es daran läge, dass der Mensch nicht der Natur entsprechend lebe, ja, es wurde behauptet, dass der Mensch eine Fehlentwicklung der Natur sei.

Da warf Herr K. ein: „Die Natur ist stärker als der Mensch. Wenn der Mensch tatsächlich eine Fehlentwicklung der Natur ist, dann wird die Natur das korrigieren, es sei denn, der Mensch ist nicht Teil der Natur.“

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Herr K. und die Dummheit der Menschen

„Warum sind sie so unglücklich?“, wurde Herr K. von einer Schülerin gefragt.

„Ich bin unglücklich, weil die Menschen so dumm sind“, antwortete er.

„Aber es gibt auch kluge Menschen“, versuchte die Fragende ihn ein wenig zu entkräften, „und sie sind sicher einer davon.“

„Bin ich etwa kein Mensch?“, fragte Herr K. erstaunt.

P.S. Vielleicht fällt Euch jemand ein, dem diese Geschichte auch gefallen würde. Dann schreibt dem- oder derjenigen doch eine kurze Mail mit dem Link.
Danke!
Euer Peter K.

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Herr K. und die Demokratie

Eines Tages ging Herr K. in eine Eckkneipe, trat an die Theke und bestellte ein Bier. Der Gast neben ihm verwickelte ihn in ein Gespräch und kam nach kurzer Zeit auf die Politik zu sprechen. Für gewöhnlich vermied Herr K. politische Gespräche, aber er wollte nicht unhöflich sein. Der Mann schimpfte wie ein Rohrspatz über Politiker, die dumm seien, keine Ahnung hätten und sich nicht trauen würden, einmal hart durchzugreifen. „Das Schlimmste aber ist“, so seine Worte, „dass es ihnen immer nur um ihre eigene Macht geht.“

An dieser Stelle holte Herr K. tief Luft, um zu signalisieren, dass er etwa sagen wolle. Der Redner, wohl auf Zustimmung hoffend, machte eine erwartungsvolle Pause, worauf Herr K. sagte: „Macht ist und war immer verführerisch, genau aus diesem Grund wurde die Demokratie erfunden.“

P.S. Vielleicht fällt Euch jemand ein, dem diese Geschichte auch gefallen würde. Dann schreibt dem- oder derjenigen doch eine kurze Mail mit dem Link.
Danke! Euer Peter K.

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Herr K. und die Angst

Herr K. traf eine Freundin, die einen bedrückten Eindruck machte. Auf die Frage, was los sei, erzählte sie, dass die Arbeit in der Klinik sie sehr belastet. Es gäbe nicht genügend Personal, daher müsse sie mehr als 60 Stunden die Woche arbeiten. Dazu kämen Rufbereitschaften als leitende Oberärztin, die dazu führten, dass sie sich am Wochenende nicht erholen könne. Das Privatleben würde unter dieser Situation zunehmend leiden. Manchmal sei sie verzweifelt.

Auf die Frage von Herrn K. warum sie sich nicht eine andere Arbeit suche, meinte sie: „Davor habe ich Angst.“

Herr K. schwieg eine Weile nachdenklich und entgegnete dann:
„Wo die Angst ist, ist die Tür.“

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Eine merkwürdige Begebenheit

Sie hat einen Mann aus Albanien geheiratet.
War das eine Aufregung! Schockierte Eltern.
Albaner? Verbrecher!
Heute ist das anders. Es ist der liebste Schwiegersohn.
Sie hat albanisch gelernt. Bei den Schwiegereltern. Auf dem Dorf. In Albanien.
Bitterste Armut.
Der Sohn und seine Frau haben ein schönes Haus.
In Deutschland.

Die Schwiegereltern kommen zu Besuch.
Während des Frühstücks, nimmt der Schwiegervater Kaffeetasse und Stuhl und setzt sich vor die Haustür.
Sie wundert sich. Sie fragt: „Vater, was machst Du da?“
Er: „Ich warte auf die Müllabfuhr.“
Sie, verwirrt: „Warum wartest Du auf die Müllabfuhr?“
Er: „Du hast gesagt, dass um 10 Uhr die Müllabfuhr kommt, und ich will wissen, ob das wahr ist.“