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Heiliger Antonius

Ich bin Atheist, aber ich wurde evangelisch getauft. Ich bin in den 60er Jahren in einer rein evangelischen Gegend aufgewachsen. Damals gab es so etwas noch. In jener Gegend gab es nur einen Gott und der war evangelisch. Ich war sehr gläubig und liebte die Kirche und die Gottesdienste und die Orgel und den Gesang und das Gebet. „Lieber Gott mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm“, war mein Abendgebet, obwohl mir nicht ganz klar war, was fromm eigentlich bedeutet.

Der Heilige Antonius

Als ich sieben Jahre alt war, zogen wir nach Köln um oder besser in ein kleines Dorf vor den Toren des heiligen, katholischen Köln. An diesem Tag wurde ich Atheist.

Es war ein aufregender Tag, denn endlich sollte ich mein eigenes Zimmer im neuen Haus bekommen und das ist für einen siebenjährigen Jungen ein wichtiges Ereignis. Als wir an einem regnerischen Novembernachmittag mit unserem VW Käfer von der Autobahn abfuhren, dämmerte es. Die lange gerade Straße führte uns vorbei an trostlosen, abgeernteten Feldern. Als wir uns dem kleinen Dorf näherten, sagte mein Vater zu meiner Schwester und mir:

„Dies ist der Ort, wo wir zukünftig leben werden.“

Ich schaute neugierig, aber enttäuscht auf eine wenig attraktive, dörfliche Idylle als ich einen Kirchturm im Novembergrau erkannte.

„Und das ist unsere Kirche“ plapperte ich, erleichtert darüber, etwas Vertrautes zu entdecken.

„Nein, das ist nicht unsere Kirche“, antwortete mein Vater, „das ist die Kirche der Katholiken.“

„Was sind Katholiken?“, fragte ich verwundert.

„Das sind Menschen, die glauben auch an Gott, nur ein bisschen anders“, entgegnete er.

Seit diesem Tag war mein Verhältnis zu Gott gestört, denn dass es Menschen geben könnte, die anders an Gott glauben, das hatte man mir nicht gesagt. Außerdem gehörte ich von dem Tag an zu einer Minderheit, denn nur fünf von 45 Kindern meiner Klasse waren evangelisch. Und die Gottesdienste in der evangelischen Kirche stellten sich als spärlich besuchte Veranstaltungen eines Hilfspfarrers in einer wenig feierlichen Baracke heraus.

Das alles ließ mich Gott gegenüber auf Distanz gehen, denn wie konnte er so etwas zulassen? Aber, da sich schließlich alles ausgleicht im Leben, lernte ich viel über die kölsche Variante des Katholizismus, denn wenn man zu einer Minderheit gehört, dann fallen einem die Unterschiede zur vorherrschenden Leitkultur deutlicher auf.

Ich wunderte mich darüber, dass Katholiken mit der Hand ein Kreuz schlagen.

Ich staunte über den Geruch von Weihrauch, der aus der katholischen Kirche wehte.

Ich erschauderte, als ich hörte, dass die Nachbarskinder regelmäßig beichten mussten, war aber erleichtert zu hören, dass man nur ein paar einfache Sünden (zum Beispiel Lügen) beichten brauchte und dann noch ein „und alle Sünden, die ich vergessen habe“ anhing, was reichte, um freigesprochen zu werden.

Praktisch.

Ich lernte, dass der kölsche Katholik feiern kann, wie kaum ein anderer. Allerdings wunderte ich mich darüber, dass ich das Cowboykostüm nur an fünf Tagen im Februar anziehen durfte und nicht an den anderen Tagen, an denen wir Cowboy- und Indianer spielte.

Ich erfuhr, dass am Aschermittwoch mit dem merkwürdigen Aschekreuz auf der Stirn meiner Mitschüler, alle Sünden der vorhergehenden Tage vergeben waren.

Sehr praktisch. Wobei mir als Kind nicht klar war, was man an Karneval eigentlich für Sünden begehen kann.

Noch praktischer waren die Heiligen.

Von Sankt Martin erfuhr ich zuerst. Der hatte seinen halben Mantel einem Frierenden geschenkt und für diese Tat wurde er 1600 Jahre später immer noch gefeiert. Bei meinem ersten, dörflichen Martinszug, spielte Herr Bollenbeck, der mindestens so dick war, wie sein Name schon klingt, auf einem Ackergaul sitzend den heiligen Sankt Martin. Ich fragte mich allerdings, was an Herrn Bollenbeck, dem der Tante-Emma-Laden im Dorf gehörte, eigentlich heilig sein sollte.  

Ich lernte, dass man sich an einen Heiligen wenden kann, wenn man ein Problem hat.

Das war außerordentlich praktisch, denn ich hatte viele Probleme.

Eines meiner immer wiederkehrenden Probleme, war (und ist es noch heute), dass ich Dinge verliere. Als Kind verlor ich vor allem Handschuhe, Mützen, Schals, Turnbeutel und all dieses Zeug. Später waren es Schlüssel, Zigaretten, Schulbücher, noch viel später Geldbörsen, Handys, Kameras oder Ferngläser.

Interessanterweise machte ich eine immer wiederkehrende Erfahrung. Ich verlor Sachen und bekam sie wieder. So auf dem Hauptbahnhof in Mailand, abends um 22 Uhr. Ich verlor mein Portemonnaie beim Umsteigen. Fahrkarte, Ausweis, Scheckkarte, Bargeld usw. alles futsch. Ich richtete mich schon auf eine unbequeme Nacht ein, als ein Polizist meinte, ich solle doch mal zur Wache gehen.

Dort lag mein Portemonnaie. Nichts fehlte.

Oder zwei Jahre später ließ ich an der Universität am Kopiergerät 500DM liegen. Am nächsten Tag ging ich zur Rezeption, fragte und erhielt mein Geld zurück.

Oder das teure kleine Fernglas, das ich bei der Abgabe eines Mietwagens in New York liegen ließ. Man rief mich freundlicherweise an und fragte, ob ich nicht etwas vermisse.

So etwas ist mir, ungelogen, hundertfach passiert.

Die Dinge kehren zu mir zurück, sagt meine Schwester.

Ich habe so viel Glück damit, dass dies unmöglich Zufall sein kann. Nach statistischer Wahrscheinlichkeit müsste diese Phase längst zu Ende sein. Ist sie aber nicht. Bis heute jedenfalls.

Wenn es aber keine wissenschaftliche Erklärung für dieses Phänom gibt, was könnte dann eine vernünftige Erklärung sein?

Nun zahlte sich endlich mein anthropologisches Studium des kölschen Katholizismus aus.

Bei den Katholiken ist der zuständige Heilige für verlorene Dinge der Heilige Antonius, an den kann man sich wenden, wenn man etwas verloren hat.

Nun habe ich nie aktiv irgendetwas vom Heiligen Antonius verlangt und trotzdem kehren die Dinge zu mir zurück. Wenn man es logisch durchdenkt, dann gibt es nur eine natürliche Erklärung dafür: Der Heilige Antonius muss mein Schutzheiliger sein. Warum er sich gerade mich ausgesucht hat, das kann ich natürlich nicht sagen, aber es ist die einzig logische, nachvollziehbare Erklärung für mein Wiederfindeglück.

Nun verschlug es mich, mehr oder weniger zufällig, nach Padua. Ich erfuhr, dass der Heilige Antonius dort in einer Kirche begraben liegt. Es ist eine sehr schöne und wichtige Wallfahrtskirche, viele Pilger besuchen dort sein Grab.

Ich war also in dieser Stadt und dachte mir, wenn ich schon da bin, könnte ich doch eine Kerze beim Heiligen Antonius anzünden, um mich für die vielen Male zu bedanken, wo er mir geholfen hat, dass die Dinge zu mir zurückkehren.

Zu meiner großen Enttäuschung ist dies nicht möglich. Also es ist schon möglich, aber nicht so, wie ich das kenne.

Das Anzünden der Kerzen ist in dieser Kirche wegen der vielen Kunstschätze (das Grab des Heiligen Antonius besitzt einen außergewöhnlich schönen Marmorfries) und der vielen Besucher die Kerzen anzünden wollen, nicht gestattet. Man kann aber draußen vor der Kirche eine Kerze kaufen und vor dem Grab des Heiligen Antonius in einen metallenen Container legen. So wie ich es verstanden habe, werden die Kerzen abends abgeholt, dann spricht ein Priester einen Zauberspruch darüber und die Kerzen sind dann wie abgebrannt. Also nicht wirklich, aber spirituell schon. Ob dieselben Kerzen dann am nächsten Tag wieder vor der Kirche verkauft werden, entzieht sich meiner Kenntnis, im Prinzip wäre das aber klug, sowohl aus spirituellen, aber auch aus ökologischen und vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. Es wäre die absolut perfekte Kreislaufwirtschaft.

Ich konnte mich aber nicht zu so einem Opfer hinreißen lassen, es widerstrebt meiner protestantischen Prägung. Wenn schon Kerze dann richtig! Ich verzichtete also darauf, mich beim Heiligen Antonius erkenntlich zu zeigen, allerdings mit der nachvollziehbaren Furcht, dass er mir das übel nehmen würde.

Jedenfalls war das die Furcht, als ich wenige Wochen später meine Aktentasche, mit einigen Dokumenten und dem Füllfederhalter meines verstorbenen Vaters mitten in Berlin auf dem Alexanderplatz liegenließ. Als ich es zu Hause feststellte, war ich traurig.

Abends saß ich vor dem Fernseher, als mich eine WhatsApp erreichte. Ein Foto zeigte meine Aktentasche und die Frage, ob sie mir gehöre?

Dem Heiligen Antonius sei Dank, die Dinge kehren immer noch zu mir zurück.

Seitdem stelle ich mir aber die Frage, ob das mit dem Heiligen Antonius vielleicht doch nicht die richtige Erklärung ist, eigentlich müsste er mir böse sein. Ich habe begonnen zu zweifeln.

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Nuri lächelt

Caroline Parker: Cold Dark Matter
Caroliney76, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Nuri erzählt seine Geschichte. Es sind Fragmente, die wie einzelne Teile eines explodierenden Gartenschuppens aus seinem Mund schießen. Es ist eine unfertige Erzählung, denn seine Scham verwischt die Details, seine Angst bedrängt die Worte, sein Schmerz macht Sprünge.

Er lächelt. Die ganze Zeit lächelt er. Die Worte müssen heraus, trotz der Angst, trotz der Scham, trotz des Schmerzes.

Lächelnd.

Der Zeuge dieser Erinnerungsexplosion lauscht betroffen und die Erinnerungsfetzen treffen ihn wie Schrapnelle, die er zusammensetzen muss. Aus den Trümmerstücken der Explosion, aus den Fragmenten muss er den Gartenschuppen zusammensetzen, der dem Ursprünglichen ähnelt.

Caroline Parker: Cold Dark Matter
Caroliney76, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

“Ich habe kaum jemanden davon erzählt, niemand weiß das alles“, sagt Nuri zum Schluss, als er lächelnd ein wenig von seiner Last auf seinem Gegenüber abgeladen hat. Der Zuhörer nimmt die Last an, trägt sie mit sich, wissend, dass seine Erleichterung nur vorübergehend sein wird. Es ist bloß der Sisyphosmoment, der Augenblick, in dem sich der Stein löst und wieder nach unten rollt. „Ich bin so dankbar, hier in Deutschland zu sein, hier sind so viele gute Menschen. Dieses Land ist ein großartiges Land.“ Er ist 25 Jahre alt. Er ist vor drei Jahren nach Deutschland gekommen. Aus Afghanistan. Aus Kabul. Dort hat er studiert. Dann ist er geflüchtet. Nach Deutschland. Mit dem Flugzeug. Sein Deutsch ist fließend, aber den Sätzen fehlt die Geschmeidigkeit, es fehlen die Feinheiten einer Muttersprache. So klingt seine Erzählung härter, brutaler als er vielleicht beabsichtigt. Sein Land hat er verlassen, seine Mutter, seinen Vater. Er hat den Boden unter den Füßen verloren, der Vater will ihn nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen. Die Mutter ebenso. Nur zur Schwester hat er noch Kontakt. Der Zeuge, wohlwissend, dass Familie, der Vater, die Mutter dort so viel wichtiger sind als hier, fragt nach dem Warum.

„Ich habe Arabisch gelernt. Ich wollte den Koran lesen und es stimmt nicht, was sie sagen, sie lügen. Es steht nicht im Koran, da steht etwas anderes. Mein Vater ist strenggläubig.“

Der Zuhörer weiß, im Islam gilt der Koran als Gottes Wort und da Gott Mohammed die Worte auf Arabisch gesagt hat, darf der Koran nur auf Arabisch gelesen werden. Viele, die meisten gläubigen Moslems anderer Zunge beten ein unverständliches Mantra. Sie sprechen die Worte, ohne zu verstehen und glauben den erklärenden Worten der Prediger. Der junge Mann aber, der da lächelnd vor ihm sitzt, hat sich nicht damit abgefunden, das zu glauben was Vater und Prediger sagen, sondern hat sich aufgemacht zu prüfen und kommt zu anderen Ergebnissen. „Sie lügen“, wiederholt er auf einmal ernst.

Ob er an Gott glaube, will der Gegenübersitzende wissen. „Ja, ich glaube an Gott, aber Gott ist mehr, als im Koran steht. Auf WhatsApp“, so setzt er fort „hat mich mein Vater gesperrt und meine Mutter…..“, er schweigt kurz „… denkt, sie ist nichts ohne ihn. Meine Schwester, mit ihr habe ich Kontakt. Sie ist klug, geht zur Schule, macht bald Abitur.“

Plötzlich ist Kabul für den Zuhörer ganz nah, nicht mehr 7000 Kilometer entfernt. Da ist ein Mädchen, klug, vielleicht ebenso gut aussehend wie Nuri, sie hört von seinem Wunderland, während sie in ihrer Burka durch die staubigen Straßen Kabuls zur Schule geht.

Nuri geht auch zur Schule. Er will das deutsche Abitur machen. Auf dem zweiten Bildungsweg. „In Kabul habe ich studiert und an der Universität gearbeitet. Auch in Deutschland habe ich schon gearbeitet und erst dort durch Zufall gehört, dass ich das deutsche Abitur nachmachen kann.“

So haben sie sich kennengelernt. Der Zuhörer und sein Nachhilfeschüler. Sie lernen Deutsch zusammen. Es ist Nuris größtes Problem auf dem Weg zum Abitur: Texte verstehen, kleine und große Geschichten. Es fehlen nicht nur die Wörter oder die Grammatik, es fehlt der ganze kulturelle Hintergrund, das Wissen um Begebenheiten, um Geschichte und Geschichten, es fehlt ihm das kollektive Gedächtnis über Ereignisse, die durch Eltern und Großeltern, durch Bücher, Radio und Fernsehen in unsere Seele eingesickert sind und sich aufgeladen haben mit Emotionen. Nichts davon ist ihm vertraut.

Wenn wir vom Holocaust reden, dann reden wir über ein Trauma, ein Entsetzen, einen jahrzehntelangen Prozess der Aufklärung und der Wiedergutmachung. Wir denken an den Kniefall von Willy Brandt in Warschau, wir denken an Auschwitz und Treblinka und Dachau und Buchenwald. Wir sehen Bilder vor uns, können erzählen und berichten. Wir kennen Geschichten von Niedertracht und Größe.

Und Nuri? Er lernt die Zahlen und Daten und Fakten und erschrickt vielleicht über das, was in diesem großartigen Land einmal möglich war, aber es ist eine abstrakte Welt. Es sind keine Emotionen, seine Emotionen sind in der Heimat. In Afghanistan.

„Dreimal bin ich davongekommen“, sagt er. „Einmal war ich nicht in der Universität, als die Taliban mit Raketen angriffen. Viele Tote. Das andere Mal haben sie die Universität überfallen und dabei viele Geiseln umgebracht. Ich war nicht da, zufällig.“

Er lächelt.

„Das dritte Mal war anders. Ich habe gearbeitet, ich habe viel Geld verdient. Man muss es immer bei sich führen. Es gibt keinen sicheren Platz. Dann, es war kriminell. Ich bin zur Polizei gegangen. Die ist korrupt. Sie haben mich gefunden und zusammengeschlagen, sie dachten, ich wäre tot.“

Er lächelt.

Der Zuhörende versteht nicht, wagt nicht nachzufragen. Zu fragil die Situation. Der junge Mann hat die Tür einen Spalt breit geöffnet, lächelnd, traurig, zerbrechlich.

„Vor ein paar Wochen habe ich ein Portemonnaie gefunden. Ich habe es zurückgegeben. Der Eigentümer wollte mir Geld geben. Ich habe es nicht gewollt. Und zwei Tage später, wirklich zwei Tage später habe ich dann noch ein IPhone gefunden, sie rief an, ich habe es ihr gebracht, auch ihr Geld habe ich nicht genommen.“

Der Zuhörer versucht Nuri zu erklären, dass er den beiden keinen Gefallen getan hat, als er ihr Geld zurückwies, aber er spürt den Stolz des jungen Mannes.

„Wissen sie“, sagt Nuri „in Kabul, wenn mich einer gefragt hätte, ob ich einen guten Menschen kennen würde, dann wäre mir nur einer eingefallen. Das wäre ich gewesen“, wieder lächelt er und dem Betrachter wird plötzlich klar, dass dies nicht das strahlende Lächeln der Jugend, sondern das verzweifelte Lächeln eines alten Mannes ist.

Als sie das Café verlassen, drückt der Lehrer dem Schüler 50€ in die Hand. Nuri wehrt sich. Irgendwann nimmt er es an.

Er lächelt nicht mehr und verschwindet im U-Bahneingang.

Zurück bleibt der Betroffene mit der Frage: „Stimmt das alles, oder ist es eine verdammt gut erzählte Geschichte?“

Der Zuhörer möchte, dass die Geschichte stimmt, aber wissen tut er es nicht.

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Die Installation Cold Dark Matter von Cornelia Parker zeigt ihren Gartenschuppen im Moment der Explosion.

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Neapel sehen und staunen

Wenn man Neapel hört, dann denken viele an Mafia, Verbrechen, Morde, Diebstahl, Betrügereien, Berge von Abfall, chaotischer Verkehr, natürlich an den Vesuv und Pompeij.

Manche denken auch an das Blutwunder des San Genaro, eines Märtyrers des 4. Jahrhunderts, dessen Blut in einer Ampulle aufbewahrt wird und das sich zweimal im Jahr verflüssigt, es sei denn der Stadt steht ein Vulkanausbruch, ein Erdbeben oder eine andere Katastrophe bevor. Das Schönste an Vorurteilen ist die Überraschung, wenn Vorurteile sich in Luft auflösen, wenn man feststellt, dass vielleicht in allem ein Körnchen Wahrheit steckt, dass aber die Lebenswirklichkeit meisten sehr viel differenzierter ist als die Vorurteile annehmen. Das gilt für Flüchtlingen genauso wie für Städte. Ja, die Stadt ist Weltkulturerbe und bei einem Weltkulturerbe besteht die große Gefahr, dass es völlig von Touristen überrannt wird und die eigentliche Stadt, das Gewusel und das Alltägliche vom Touristennepp verdrängt wird. Von dieser Gefahr ist Neapel als Großstadt auch in der Hauptsaison gefeit, wir genießen aber wieder einmal die Vorteile der Vorsaison, eine Woche im Februar, der wir dem grauen, schmuddeligen Berliner Wetter entfliehen und in einem wunderbaren Vorfrühling ankommen. Die Museen sind leer, die Hotels preiswert, die Kellner freundlich und es ist kein Problem einen Platz in einem Restaurant zu bekommen. Und dort, in einem Restaurant wird dann doch ein Vorurteil bestätigt, das wir als Vorurteil abgetan haben. Ein Gitarrenspieler kommt herein und spielt neapolitanische Lieder und irgendwann beginnen einige der Gäste mitzusingen. Laut, mit großer Stimme und es gibt Applaus. Musik ist überall in der Stadt zu hören. Wir besichtigen die Stadt. Vor dem beeindruckenden Königspalast wird gerade die neue Metro gebaut. Durch die Bauzäune werden wir auf das Konzept der neapolitanische Metro aufmerksam. Die bedeutendsten Architekten der Welt schaffen die Bahnhöfe, die teilweise tief in der Erde liegen. Soweit, so gut. Aber da diese Metro die schönste der Welt werden soll, wurden und werden für jede Station die bedeutendsten Künstler der Welt gebeten, diese mit Kunst auszustatten. William Kentridge und Rebecca Horn sind nur zwei Namen dieser illustren Gesellschaft. In der bereits bestehenden Station Toledo kommen wir am nächsten Tag aus dem Staunen nicht heraus. Tief unter der Erde liegt der Bahnhof, sicher 40 oder 50 Meter tief. Wir fahren auf langen Rolltreppen von unten nach oben. Ganz unten sind die mosaikartigen Fliesen dunkelblau und je höher wir kommen, desto mehr mischen sich hellblaue und weiße darunter. Symbolisch steigen wir vom Meeresgrund auf zur Meeresoberfläche, bevor die Brandung sich am Felsen bricht und die Fliesen die Farbe des Gesteins annehmen und schließlich in einem Mosaik von William Kentridge enden, das an die römischen Mosaike in Pompeij erinnert. Ebenso staunten wir ein paar Tage später an der Stazione Centrale, wo uns ein wohlinszeniertes Rolltreppengewirr, durch dezente Spiegelungen verstärkt, in 40 oder 50 Meter Tiefe führt. Noch etwas fällt uns auf, etwas, was in unseren Breitengraden nahezu verschwunden ist: Die große Bedeutung der Religion. In einer Kirche treffen wir auf eine Prozession der Tempelritter, 50 oder 60 Frauen und Männer, alle in einer weißen Kutte mit rotem Kreuz auf Brust und Rücken, ziehen von dort ernst durch die Stadt. Faszinierend fremde Vergangenheit. Aber nicht nur diese Ritter zeigen das, gefühlt steht alle 50 Meter eine Kirche, unmöglich alle zu besuchen. In den Beichtstühlen der Kirchen warten Priester auf Menschen, die die Beichte ablegen wollen und Menschen kommen und knien davor und beichten. Alte, Junge, Männer, Frauen.
Bei uns ist der Beichtstuhl durch den Psychotherapeuten ersetzt worden, vielleicht aber diente die Beichte jahrhundertelang genau demselben Wunsch sich auszusprechen, die eigenen Sorgen loszuwerden. Das können wir zum Beispiel in der Kirche Gesu Nuovo erleben, eine Barockkirche, die mit seiner goldenen Pracht nicht so unserm Geschmack entspricht, aber die Fresken in der Kirche sind überwältigend schön. Wir ahnen nicht, dass wir in den nächsten Tagen von einer Inflation von Fresken überrollen werden, eine schöner als die andere. Die Fresken strahlen in leuchtenden Farben und von dem Moment an, bleibt uns im wahrsten Sinne des Wortes der Mund offen stehen, weil wir aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Die Kirchen, die Museen, die Klöster, die Gärten, die Fassaden, die Palazzi, die Plätze, die Monumente beeindrucken durch künstlerischer Qualität, sogar die Straßenkunst machen einem Banksy Konkurrenz, auch wenn diese Künstler hier nicht weltberühmt sind und vermutlich ein bescheidenes Leben fristen.  Sie sind aber nicht weniger kreativ, nur hat sie der international, gefräßige Kapitalismus noch nicht in die höchsten, finanziellen Höhen gehypt. Das mag auch daran liegen, dass sie nicht mit Bedeutung geschwängert daherkommt, sondern mit Witz. Feine Ironie ist selten ein Kassenschlager. 

Ein Beispiel dafür sind die großformatigen Fotos, die im archäologischen Museum hängen. Es sind neapolitanische Straßenszenen, in die aber die berühmten Plastiken des Museum hineinmontiert wurden. Man sieht Aphrodite mit Plastiktüten voller Lebensmittel im Gespräch mit dem Gemüsehändler oder eine halbnackte Nymphe vor der Stadtkulisse von Neapel ein Selfie machend oder ein junger Mann mit Bart, der in der vollen U-Bahn inmitten der anderen Fahrgäste steht und sich an der Haltestange festhält. Diese und viele andere Fotomontagen hängen zwischen den Originalstatuen und lassen uns laut auflachen.
Neapel ist jedenfalls eine Stadt vollgestopft mit Kunst aus 2500 Jahren, Kunst in Hülle und Fülle, überall und unübersehbar. Die Kirchen quellen über, nicht nur von Fresken, sondern von Plastiken aus Marmor, Terrakotta, Bronze von unvorstellbarer Schönheit. Vor der die Sant’Anna dei Lombardi werden wir von einem Mitarbeiter angesprochen und gedrängt in die Kirche zu kommen. Obwohl wir erschöpft sind, entschließen wir uns hineinzugehen und wieder bleibt uns der Mund offen stehen. Ein Marmoraltar mit der Geburt Christi, gekrönt von einer Schar von Engeln, darüber halten drei Putten eine marmorne Blumengirlande. Das Ganze vielleicht zwei, drei Meter hoch. Das Besondere aber sind die jubilierenden Engel. Vielleicht 20 Engel tanzen vor Freude über der Krippe. Sie sind gerade mal 10 oder 15 cm hoch. Ihre Gewänder haben einen außergewöhnlich starken Faltenwurf im Miniaturformat und wir fragen uns, wie man so fein arbeiten kann. Auch die vielleicht 30 cm hohen Putten strahlen eine Natürlichkeit aus, die uns ungewöhnlich erscheint, aber dabei bleibt es nicht, in jeder Seitenkapelle finden wir kleine Wunder bis uns schließlich die Sakristei erschlägt, ein überaus prachtvoller Saal mit wertvolle Holzintarsien und Fresken von Vasari.Am Beeindruckendsten ist jedoch eine lebensgroße Figurengruppe aus Terrakotta. Es handelt sich um die Beweinung Christi.

Die Beweinung Christi

Der Leichnam von Jesus Christus liegt auf dem Boden und um ihn herum sind sieben Figuren gruppiert, vier Frauen, drei Männer, vom Leid gezeichnet, kniend, weinend, sich über den Leichnam beugend, mitten in der Bewegung. Es ist eine Szene tiefer, ergreifender, menschlicher Trauer, unvergänglich, zeitlos, berührend. Ebenso bewegend ist eine Figurengruppe, die wir am nächsten Tag im archäologischen Museum sehen.  Sie, 1500 Jahre früher entstanden, zeigt das Leid des Krieges.  Vor uns liegen vier marmorne Krieger, nein genauer, eine Kriegerin und drei Krieger. Die Amazone und ein Krieger liegen tot auf dem Rücken, die Schwerter sind ihnen aus der Hand gefallen, der dritte, auf der Seite liegend, wirkt als wäre er in der Zwischenwelt zwischen Leben und Tod. Der Vierte von einer schweren, nicht mehr vorhandenen Lanze in den Rücken getroffen, sinkt gerade zu Tode verwundet nieder.

Vier Krieger

Am meisten beeindruckt uns aber die dritte gleichartige Szene, eine Szene weniger Kunst als vielmehr grausame Wirklichkeit. In Herculaneum besuchen wir die Ruinen der römischen Stadt. Heute liegen die Ruinen vielleicht einen Kilometer vom Meer entfernt. Als der Vesuv ausbrach im Jahr 79, lagen die letzten Häuser aber direkt am Strand. Dort befinden sich fünf große gemauerte Nischen, vielleicht waren es Bootshäuser oder Lagerräume oder so etwas. Ihre Öffnungen weisen in Richtung des Meeres, dessen Wellen dort an den Strand schlugen. In diesen Nischen sehen wir Gebeine, mal zwölf, mal zwanzig Schädel zählen wir. Hierhin hatten sie sich vor der heranströmenden Lava geflüchtet, an einen Ort, den auch ich gewählt hätte, darauf hoffend, hier geschützt zu sein. 2000 Jahre später stehen wir bewegt vor ihnen und betrachten sie, im Moment ihres Todes.Es ist diese Vielschichtigkeit, die uns an Neapel so fasziniert.

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Was der Place Stanislas in Nancy über 
Europa erzählt

Nancy steht nicht auf der Liste der Städte, die man besuchen muss. Das hat den Vorteil, dass die Stadt nicht übertouristisiert ist und man auf dem Place Stanislas viele Einheimische findet, die den Platz zum Zentrum der Stadt machen.

Der Platz ist beeindruckend in seiner barocken Perfektion, vollkommen symmetrisch angelegt, ein absolut geschlossenes Bauensemble mit sieben Gebäuden aus einem Guss. Das Ganze ist geschmückt mit einem Triumphbogen, zwei prächtig sprudelnden Brunnen und kunstvollen, gold-schwarzen Gittertoren an den Eingängen. Barock ist in Zeiten der Moderne nicht jedermanns Sache, aber dieser Platz lässt selbst eingefleischte Freunde des Funktionalismus mit ihrer Kritik am Barock verstummen. 

Place Stanislas

Nun kann man sich die völlig unwichtige Frage stellen, warum Nancy einen so schönen Stadtplatz hat, der nach einem gewissen Stanislas benannt ist. Die Antwort darauf ist eine typisch europäische Geschichte und wenn man genau hinschaut und sie auf das Wesentliche reduziert, erklärt sie ein wenig das Europa von heute. Leider wird es erstmal, wie immer in Europa, kompliziert. 

Stanislas (das polnische Stanisław können Franzosen nicht aussprechen) war ein mittelloser polnischer Adeliger des 18. Jahrhunderts, der von mehreren hundert polnischen Adeligen zum König von Polen gewählt worden war. Damals war es in Polen üblich, dass alle Adeligen – und es waren viele – sich nach dem Tod des Königs vor den Toren Warschaus versammelten und einen neuen König wählten. Wie meistens bei solchen Wahlen, war der Bestechung Tür und Tor geöffnet. Die Großmächte Russland, Habsburg und Frankreich versuchten ihre Kandidaten durchzusetzen und wer am meisten bezahlte, gewann. Stanislas wurde gewählt, aber August der Sachse erhielt mehr Stimmen, auch weil die Russen ihn kräftig förderten.

Nach der Versammlung hatte man also zwei polnische Könige, einen von einer Mehrheit und einen von einer Minderheit. Mehrheitsentscheidungen galten damals als überbewertet, sodass die Minderheit nicht in Betracht zog, auf ihren König Stanislas zu verzichten. Wenn man aber Mehrheitsentscheidungen nicht akzeptiert, dann gibt es nur eine Möglichkeit Konflikte zu lösen: Krieg. 

So kam es zum Polnischen Erbfolgekrieg. Stanislas wurde von Frankreich, August von den Habsburgern und Russen unterstützt. Die Interessen der Großmächte kollidierten und die Habsburger kommen ins Spiel. Sie gewannen den Krieg und August wurde König von Polen, Stanislas ging ins Exil und lebte irgendwie, irgendwo vergleichsweise arm. Jetzt stellen Sie sich vielleicht die Frage, ob der Place Stanislas in Nancy, der wichtigsten Stadt in Lothringen, nach diesem verarmten polnischen Beinahe-König ohne Land benannt wurde. Richtig, Stanislas ließ diesen Platz bauen. 

Wie war das möglich?

Ich sagte schon, dass wir einen Sprung ins Habsburgerreich machen müssen. 2011 wurde Otto von Habsburg, ein überzeugter Europäer, der Sohn des letzten österreichischen Kaisers, als letztes Mitglied der Kaiserfamilie in der Wiener Kapuzinergruft beigesetzt. Als der Sarg vor der Kapuzinergruft ankam, klopfte man an die Tür und von innen fragte jemand: „Wer begehrt Einlass?“ Daraufhin verlas der Klopfer die gesamte Titulatur, die folgendermaßen lautete: 

„Seine Kaiserliche und Königliche Apostolische Majestät Otto von Habsburg, von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich, König von Ungarn und Böhmen, von Dalmatien, Kroatien, Slawonien, Galizien, Lodomerien und Illyrien, König von Jerusalem etc, Erzherzog von Österreich; Großherzog von Toskana und Krakau; Herzog von Lothringen ….“ usw. usw.

Doch die Tür wurde nicht geöffnet. Zweimal wurde das wiederholt, beim dritten Mal nannte der Klopfer statt der Titulatur: „Otto, ein sterblicher und sündiger Mensch“. Da öffnete sich die Pforte und Otto kam zu seiner letzten Ruhestätte. Eine hübsche Geschichte, an der uns in unserem Zusammenhang nur ein Detail interessiert: die österreichischen Kaiser waren nämlich auch die Herzöge von Lothringen und das obwohl sie Lothringen nie regierten! 

Wie war das möglich?

Nun, das kam so: Maria Theresia war das einzige Kind von Kaiser Karl VI. aber leider eine Frau. Das bedeutete damals, dass sie nicht Kaiser – oder besser Kaiserin – werden konnte. Also erfand man die „pragmatische Sanktion“, was bedeutete, dass Maria Theresia irgendwie doch Kaiserin werden konnte, Allerdings musste dieses Arrangement von den anderen Großmächten Europas akzeptiert werden. Diese forderten wollten für die Anerkennung irgendetwas anderes haben. Erschwerend kam hinzu, dass Maria Theresia den Herzog Franz III. von Lothringen heiraten wollte. Dem aber gehörte Lothringen, auf das es der französische König abgesehen hatte. 

Maria-Theresia war eine starke Frau und erreichte fast immer das, was sie sich in den Kopf setzte. Die Heirat mit Franz von Lothringen war aber unmöglich, denn Frankreich duldete es keinesfalls, dass durch diese Ehe Lothringen an Habsburg fiel. Wenn man das nicht versteht, muss man sich einfach nur vorstellen, dass es dem französischen Staat einfallen würde, den Volkswagenkonzern oder die Bundesbank zu kaufen. Können Sie sich leicht ausmalen, was dann los wäre! So ungefähr war das mit Habsburg und Lothringen und Frankreich. 

Sie sehen, die Gemengelage war ziemlich kompliziert, jeder wollte was von jedem und irgendwie musste man alle zufriedenstellen. Man könnte versucht sein, an die Europäische Union zu denken, da geht es ähnlich kompliziert zu. Es kommt aber noch besser.

Glücklicherweise hatte Frankreich auch ein Problem. Für den minderjährigen Ludwig Nr. 15 wurde eine Frau gesucht. Alle potenziellen Nachfolger von Ludwig Nr. 14 waren früh gestorben und man hatte Angst, dass der einzige Urenkel (Nr. 15) auch bald sterben würde. Da war es ungeheuer wichtig, dass dieser vorher noch einen Sohn zeugte. Selbstverständlich musste seine Zukünftige königliches Blut in den Adern haben, außerdem, ein nicht unwesentliches Detail, sollte die Familie allerdings nicht mächtig sein, denn sonst hätte diese irgendwann vielleicht Ansprüche auf den französischen Thron erhoben. 

Schwierig.

Auf eine Familie traf all dies zu: die von Stanislas. Der war zwar eigentlich kein König, aber darüber sah man hinweg, denn irgendwie war er doch ein bisschen König, jedenfalls reichte es. Man ließ also bei Stanislas nachfragen, ob denn seine Tochter den französischen Thronfolger heiraten wolle. Natürlich wollte sie, auch wenn sie selbst nicht gefragt wurde. Für Stanislas war das ein Sechser im Lotto plus Superzahl. Von einem Tag auf den anderen bekam er unbegrenzten Kredit, und Kreditwürdigkeit war damals schon wichtiger als Geld, das kennen wir heute von Griechenland und Italien. 

Nun wollte (oder sollte) die Tochter eines Königs mit Titel, aber ohne Königreich den minderjährigen französischen König heiraten. Maria Theresia wollte, obwohl eine Frau, herrschen. Sie brauchte dafür ebenfalls einen machtlosen Mann mit einem glänzenden Titel, damit dieser – wenn auch formal – Kaiser von Maria Theresias Gnaden werden konnte. Auf diese Stellenbeschreibung passte der Herzog von Lothringen, aber Lothringen durfte nicht habsburgisch werden, weil die Franzosen etwas dagegen hatten.

Ein glücklicher Zufall brachte die Quadratur des Kreises, denn erfreulicherweise würde der letzte Medici bald ohne Nachkommen sterben und damit war das Herzogtum Toskana ohne Herrscher. 

Nun ging alles Schlag auf Schlag: Stanislas war zwar zukünftiger Schwiegervater des Königs von Frankreich, aber ein König ohne Land. Das ging natürlich nicht, also musste der Herzog von Lothringen auf Lothringen verzichten, damit man es Stanislas schenken konnte. Er bekam das Land und blieb außerdem König von Polen, obwohl er kein König von Polen war. Nach Stanislas Tod würde seine Tochter, die Frau von Ludwig Nr. 15, Lothringen erben und Lothringen damit direkt der französischen Krone zufallen. Der König von Frankreich schenkte also, seinem Schwiegervater die Mitgift, die die Tochter in die Ehe einbringen würde. Dafür durfte Maria Theresia Franz heiraten, der immerhin den Titel Herzog von Lothringen behielt. Auf Lothringen zu verzichten, war ein schweres Opfer für Franz, der Abschied war tränenreich. Weil der Arme durch den Verlust von Lothringen zwar einen Titel aber fast keinen Besitz mehr hatte, erhielt er als Ausgleich das Herzogtum Toskana, und zwar Titel und Land. 

Puh!

Am Ende waren alle glücklich. Stanislas hatte keine finanziellen Sorgen mehr, baute Nancy zu einer prachtvollen Residenzstadt aus und schuf den wunderbaren Platz, der heute nach ihm benannt ist. Seine Tochter heiratete den französischen Thronfolger. Maria Theresia wurde eine große Kaiserin und bekam 16 Kinder, was für eine glückliche Ehe spricht. 

Sie verstehen nicht? 

Gut, ich will es noch einfacher versuchen: Bei allen politischen Auseinandersetzungen geht es zu allen Zeiten um Geld und Macht und Posten. Im 18. Jahrhundert betrieb man Politik mit Heirat, Bestechung, Land und Titeln. Half das alles nichts, griff man zu den Waffen und brachte sich gegenseitig um. Manchmal, wie in diesem Fall, gab es ein großes Geschacher und Krieg konnte vermieden werden.

Heute haben wir die Europäische Union und wenn man sich das mal genauer ansieht, dann macht die Europäische Union gelegentlich Anleihen an die Kabinettspolitik des 18. Jahrhunderts. Da geht ein Manfred Weber als Sieger aus einer Europawahl hervor und eine Uschi von der Leyen kommt als Kommissionspräsidentin wieder heraus und wenn die deutsche Uschi schon Kommissionspräsidentin wird, dann muss eine Französin EZB Präsidentin erkoren werden, der hohe Kommissar für Außenpolitik ein Südeuropäer, und auch die Osteuropäer müssen berücksichtigt werden usw. usw. Sehr kompliziert, manchmal undurchschaubar. 

Was wäre die Alternative? 

Sollen sich Griechenland oder Italien durch eine kluge Heiratspolitik sanieren, etwa indem sie sich in die deutsche Regierung einheiraten, die dann für die Kreditwürdigkeit des Landes geradesteht? Oder soll der Konflikt zwischen Wallonen und Flamen in Belgien durch eine Hochzeit der beiden Regierungschefs gelöst werden? Könnten wir den Konflikt um Nordstream II nicht mithilfe gewaltiger Bestechungsgelder besänftigen? Soll Ungarn seine herbei interpretierten Gebietsansprüche in Rumänien durch einen Einmarsch seiner Truppen durchsetzen, so wie Russland es mit der Krim gemacht hat? Mit gleichem Recht könnte Italien dann Ansprüche auf die Cote d’Azur, Österreich auf Südtirol, Griechenland auf Nord-Mazedonien und Teile der Türkei, Schweden auf Norwegen und Teile von Polen, Spanien auf Gibraltar und Teile der Niederlande, Dänemark auf Schleswig Holstein, Deutschland auf Schlesien und Ostpreußen, Polen auf Teile von Litauen und der Ukraine erheben. Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Es werden sich überall Gründe finden, um weniger oder noch weniger berechtigte Ansprüche zu erheben. Wie schnell das gehen kann, haben wir in den 90er Jahren auf dem Balkan erlebt. Frieden und Wohlstand lassen sich schnell vernichten, aber nur langsam und mühsam wiederaufbauen. 

Verdient es nicht unseren allerhöchsten Respekt, dass die europäischen Staats- und Regierungschefs nächtelang nach einer Lösung für ein Problem suchen? Zeugt es nicht ungeheurer Größe, wenn dann morgens um vier Uhr eine Lösung auf dem Tisch liegt und plötzlich erhebt irgend ein verschlafener Regierungschef irgendeines kleinen Landes das Wort und sagt „Diesem Vorschlag können wir wegen des Aufstands von Achzehnhundertsoundso niemals zustimmen“ und es bricht kein Krieg aus, sondern nur erschöpftes und verwirrtes Kopfschütteln der anderen? Ist es nicht bewundernswert, dass die ganze Diskussion dann noch einmal von vorne beginnt, bis man morgens um 8 Uhr tatsächlich eine Lösung gefunden hat, dem auch der Regierungschef des kleinen Landes zustimmen kann?

Man kann mit Recht Vieles an Europa beklagen, aber es ist das beste Europa, das wir je hatten und wenn dann etwas so Wunderbares dabei herauskommt, wie der Place Stanislas, dann gibt es überhaupt nichts zu meckern.