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Die seltsamsten Menschen der Welt

Liebe Leserschaft,
normalerweise möchte ich natürlich, dass Ihr meinen Blog lest, aber dieses Mal möchte allen das Buch von Joseph Henrich: Die seltsamsten Menschen der Welt ans Herz legen. Es handelt sich um ein wissenschaftliches Buch über die kulturelle Evolution des Abendlandes.

Ich halte das Buch für eine der wichtigsten wissenschaftlichen Publikationen die ich kenne und würde es, auch wenn es vielleicht etwas vermessen ist, in eine Reihe stellen mit Darwins: Entstehung der Arten oder Kopernikus: De revolutionibus orbium coelestium. Das Faszinierendste dieses Buches ist, dass Henrich eine unglaubliche Menge an Daten, Statistiken, Erkenntnissen und Experimenten aller Humanwissenschaften (Soziologie, Psychologie, Volkswirtschaft, Anthropologie, sogar Medizin) zusammenträgt und in ein Gesamtkonzept zur Entwicklung von Gesellschaften überführt. Dabei geht er wissenschaftlich exakt vor und hat gleichzeitig einen lässigen und angenehmen Schreibstil (wie es nur die Amerikaner können).

Das Buch ist dick (mit 300 Seiten Apparat) und auch nicht ganz einfach. Allerdings kann man viele Stellen kursorisch lesen, weil diese in erster Linie dazu dienen, gegenüber der Wissenschaftgemeinde Methodik und Seriosität darzulegen.

Die Ideen sind ausgesprochen anregend, auch wenn ich vermute, dass Henrich an einigen Stellen über das Ziel hinausgeschossen ist, aber das betont er selber auch immer wieder.

Kleiner Tipp: Notiert Euch verwendete Abkürzungen oder Fachbegriffe, das hilft beim Lesen.

Wer es gelesen hat, mit dem würde ich sehr gerne in Austausch treten, entweder hier oder per Mail oder persönlich bei einem meiner Berliner Tafegespräche.

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Ravenna

Auf den ersten Blick ist Ravenna enttäuschend. Diese Stadt, die den Übergang zwischen römischen Reich und dem frühen Mittelalter markiert, liegt in flacher unspektakulärer Landschaft und wirkt ein wenig langweilig. Früher lag die Stadt am Meer, besaß den zweitgrößten Militärhafen des römischen Reiches und war, ähnlich wie Venedig, eine Lagunenstadt. Das war auch der Grund weshalb sich die spätrömischen Kaiser hierhin zurückzogen. Die Stadt galt als uneinnehmbar. Heute gibt es keine Lagune mehr, das Meer ist 12 Kilometer entfernt.

Von den 70 Jahren als römische Kaiserstadt zeugen die frühchristliche Kirchen aus dem 5. und 6. Jahrhundert. Von außen sind es schlichte Backsteinbauten, die meisten unverblendet, dadurch schlicht und grob wirkend. Aber die Schönheit dieser Kirchen soll, so verspricht es der Reiseführer, im Inneren liegen. Der erste Besuch gilt San Appolinaire nuovo, eine Kirche, die ganz in der Nähe unseres Hotels liegt. Beim Betreten des Innenraums sind wir enttäuscht. Ja, es ist unverkennbar romanische Architektur, ja es gibt schöne Mosaike, aber der angebaute barocke Chor zerstört den Gesamteindruck.

Allerdings zeigen die Mosaike die Kirche noch etwas von der Leichtigkeit römischer Mosaike, wie wir sie in der Villa Romana del Casale auf Sizilien entdeckt hatten. Dort sahen wir Mosaike von der Leichtigkeit des Seins, tanzende junge Frauen im Bikini (wirklich!), Tische voller Schalen mit Obst oder heitere Jagdszenen. Alles Darstellungen, die das Leben feiern. Hier in Sant‘Appolinaire nuovo sind die Mosaike zwar immer noch hell, aber es fehlt ihnen die Leichtigkeit. Sie sind streng. Heilige und Apostel sind gradlinig aufgereiht, wie auf einem Exerzierplatz. Der Glaube an den bald bevorstehenden Weltuntergang und das Jüngste Gericht macht sich bemerkbar. Zwar wartete man schon mehrere Jahrhunderte darauf, aber es war immer noch nicht geschehen, so hatte das Christentum Zeit, seine Spuren zu hinterlassen.

Das dieses Christentum nicht viel mit dem zu tun hatte, was wir heute Christentum nennen, versteht sich von selbst, außer dass natürlich dieselben Geschichten erzählt werden. Aber es war noch nicht entschieden, ob das Thomas- oder das Johannesevangelium in die Bibel aufgenommen werden sollte und noch war Jesus kein Gott, aber die Kämpfe um den richtigen Glauben und die Macht tobten längst mit gnadenloser Härte.

Vielleicht erkennen wir das, als wir in das Mausoleum der Galla Placida und die Kirche San Vitale eintreten, denn hier sieht die Welt schon ganz anders aus. Dunkel und goldschimmernd zugleich sind die Räume. Nur noch Religion, Gott, Jesus, Apostel, Heilige. Keinerlei Leichtigkeit mehr. Keine Feier des Lebens mehr. Nur noch Tod und Demut und Trauer und Dunkelheit.

Erst im Baptisterium der Kathedrale flackert die Freude des Lebens noch einmal auf. In der Kuppel zeigt ein großes Mosaik die Taufe Jesu. Ein fröhliches Bild. Jesus steht nackt im Wasser des Jordan, umgeben von einer freundlichen Landschaft. Johannes steht neben ihm.

Hier ist Hoffnung zu sehen, aber etwas weiter unten, an den Wänden der Kapelle, kehrt schon der heilige Ernst zurück.

Überraschend auch der Besuch von Sant’Appolinaire in Classe, etwas außerhalb des Ortes. Hier zeigt die Apsis das Bild eines Gartens mit Zypressen und Zedern, Pinen- und Olivenbäumen, Sträuchern und Dattelpalmen voll mit Früchten. Vögel fliegen in diesem Garten und friedlich grasen Lämmer auf der Wiese, alles wird bewacht vom Heiligen Apollinare. Es scheint fast als hätte sich die Lebensfreude hier noch einmal aufgebäumt, bevor sie für fast 500 Jahre verschwand, bis die Gotik wieder Freude und Helligkeit in die Kirchen brachte.

In dieser Zeit, der Spätantike veränderte sich die Welt fast so wie heute: Klimaabkühlung führte zu Hungersnöten, Epidemien töteten Millionen Menschen, dem langsamen Zusammenbruch eines Weltreiches konnte man zusehen und neue Mächte rangen um Macht und Einfluss.

Die Ereignisse von damals waren für die Menschen jener Zeit eindeutige Zeichen des nahenden Weltuntergang und Vorboten des Jüngsten Gerichts. Ihre Sünden, da waren sie sich sicher, waren die Ursache für all das. Deshalb bauten sie Kirchen und beteten und aus Angst vor Fegefeuer und Höllenqualen bemühten sie sich, bessere Menschen zu werden, züchtig und bescheiden zu leben, den Armen zu geben und den Geboten des Herrn zu folgen.

Waren sie erfolgreich?

In der Logik jener Zeit müssen sie es gewesen sein, denn der befürchtete Weltuntergang blieb aus.

Werden wir auch erfolgreich sein?

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Bemerkungen zum Krieg 3

19.4.2022
Lügen
Bismarck hat einmal gesagt: „Es wird selten so viel gelogen, wie vor Wahlen, während des Krieges und nach der Jagd.“

Rußland lügt so sehr, dass sich die Balken biegen. Ohne Frage. Aber auch die Ukraine lügt. Die Ukrainie muss lügen. Natürlich. Gezielt gestreute Informationen gehören zur Kriegsführung. Damit sind nicht die ukrainischen Aussagen über Massaker und Kriegsverbrechen der Russen gemeint, aber vielleicht die permanente Forderung der Ukrainer nach schweren Waffen, weil damit dem Gegner vorgetäuscht werden soll, dass man nur wenige habe. Damit kann man ihn u.U. in eine Falle locken. Krieg ist immer auch ein Krieg der Informationen. Seien wir vorsichtig: nur weil die Ukraine das Opfer eines böswilligen, widerwärtigen Angriffskrieges ist, ist sie nicht über jeden Verdacht erhaben.
Womit wir beim zweiten Punkt wären.

Sauberer Krieg
Einen sauberen Krieg gibt es nicht. Krieg bringt die schlechtesten und die besten Seiten im Menschen hervor. Wer das nicht glaubt, lese einmal das Buch der italienischen Journalistin Orianna Fallaci : „Wir: Engel und Bestien“ über den Vietnamkrieg. Es ist das ehrlichste Antikriegsbuch, dass ich kenne.
Im Krieg wird der Mensch zur Bestie und deshalb werden wir nach diesem Krieg viele Berichte über die Verbrechen beider Seiten zu lesen bekommen.

So oder so, Krieg ist schmutzig und es gibt keine einfachen Lösungen. Ein Gaslieferstopp wird diesen Krieg weder heute noch morgen beenden. Schwere Waffen werden der Ukraine helfen, aber ob es klug ist, öffentlich zu verkünden wann was wohin geliefert wird?
Was wirklich geschieht, werden wir erst in ein paar Jahren erfahren.

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Herr K. und seine Gewissensnöte

„Vor 40 Jahren haben Sie den Kriegsdienst verweigert, mit der Begründung, dass es sie in zu große Gewissensqualen stürzen würde, wenn sie einen Menschen töten müssten. Daran, so sagten Sie, würden Sie zerbrechen.“
„Ja“, antwortete Herr K.
„Und heute?“
„Heute zerbreche ich an der Erkenntnis, dass das Schlimmste manchmal nur mit Gewalt und Krieg verhindert werden kann.“

„Würde es Sie in einem solchen Fall immer noch in Gewissensqualen stürzen, einen Menschen zu töten?“
„Ja“, sagte Herr K., „aber ich hätte die Hoffnung, damit das Schlimmste zu verhindern.“