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Herr K. und sein unsichtbarer Nachbar

Herr K. lebt in einem der typischen 20er Jahre Häuser Berlins. Es gibt eine nette Nachbarschaft. Man hilft sich mit Eiern oder Zucker, man plaudert im Treppenhaus und natürlich wird auch getratscht.

Gegenüber von Herrn K. wohnt ein Russe. Er ist Arzt. Er ist sympathisch. Er ist gutaussehend. Er lebt seit mehr als fünf Jahren im Haus, doch Herr K. hat ihn nur wenige Male gesehen. Meistens von hinten. Wenn er gerade das Haus verlässt. Nur kurze Augenblicke. Einmal haben sie ein paar Worte gewechselt. Allgemein, freundlich, nichtssagend.

‚Er ist schüchtern‘, dachte Herr K. und versuchte einmal vergeblich ihn zum Essen einzuladen.
‚Vielleicht mag er mich nicht‘, erklärte sich Herr K. sein Scheitern

Aber als bei einem der Treppenhausgespräche eine Nachbarin meint: „Er ist unsichtbar“, fällt es Herrn K. wie Schuppen von den Augen.
„Und er ist Russe“, sagt er.
Die Nachbarin schaut Herrn K. irritiert an und der, erregt von der plötzlichen Erkenntnis, erklärt:
„Russen mussten jahrzehntelang lernen nicht auf aufzufallen. Auffallen war lebensgefährlich. Das ist ihnen in Fleisch und Blut übergegangen. Unsichtbar hatten sie die größten Überlebenschancen.“**
„Aber, er lebt doch jetzt in Berlin“, entgegnete die Nachbarin, „da muss er doch keine Angst mehr haben.“

Herr K. schüttelte den Kopf: „Kultur ist ein Erbe, das man nicht so schnell ablegen kann.“

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** siehe: Der Grosse Terror – Stalins Säuberung der Gesellschaft (uzh.ch)

Passt dazu: Der Untergang Russlands als Self-fulfilling Prophecy – Peter K