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Herr K. und die Verantwortung

Herr K. trifft auf eine Gruppe von Menschen, die alles Mögliche tun, um die Umwelt zu schützen und ist doch frustriert, auch weil es ihm so bekannt vorkommt.

Bei einem Tischgespräch über Fragen des Umweltschutzes ging es hoch her. Alle waren sich einig, dass der Mensch die Natur zerstört, das die Politik empörend wenig tue und deshalb jeder etwas gegen die Zerstörung der Umwelt unternehmen muss.

Die Eine sagte: „Ich fahre nur noch Fahrrad.“
Der Andere meinte: „Ich ernähre mich vegan.“
Die Dritte: „Ich kaufe nur im Bioladen.“
Der Vierte: „Ich vermeide Müll, wo ich nur kann.“
Und wieder eine andere: „Ich bin aktives Mitglied bei Greenpeace.“

Jeder hatte etwas zu erzählen und man gab sich Tipps, was man wie und wo noch besser machen könne.

Herr K. verfolgte die Diskussion aufmerksam, aber beteiligte sich nicht. Als sich alle verabschiedeten, meinte ein junger Mann, dass er Herrn K. ein Stück begleiten wolle. Auf der Straße sagte er:

„Es ist doch großartig, wie engagiert die Leute sind und jeder versucht seinen Beitrag zu leisten, gerade wenn die Politik so versagt. Aber Herr K., sie haben den ganzen Abend kaum etwas gesagt, was meinen Sie denn zu der Diskussion?“

Herr K. zögerte einen Augenblick und antwortete: „Das war keine Diskussion, mir kam es vor wie in der Kirche.“

„Wieso dass denn?“, fragte der junge Mann, offensichtlich irritiert.

„Nun, jeder hat mit großem moralischem Pathos Zeugnis abgelegt, von all seinen guten Taten. Jeder wollte den anderen zeigen, wie sehr er bemüht ist, ein sündenfreies Leben zu führen. Alle bestätigten sich gegenseitig, wie vorbildlich sie doch sind und wie sie alles in ihrer Macht stehende tun, um die aufziehende Katastrophe zu verhindern. Aber natürlich sündigen sie trotzdem, denn die Flugreise muss sein, es ist schließlich die letzte Reise mit den Kindern und das neue Auto wird auch gebraucht, weil man sonst nicht zum Reitunterricht kommt. Als Kompensation spendet man großzügig für die Rettung des Regenwalds, was aber nichts anderes ist als ein moderner Ablasshandel!“

Der junge Mann war überrascht, setzte zu einem „Aber…“, an, doch Herr K. kam ihm zuvor.

„In diesem Sinne gibt es auch keinen Unterschied zwischen einer Umweltorganisation und einem Mönchsorden. Beides sind straff geführte, einflussreiche Organisationen mit Absolutheitsanspruch. Sie begannen als Bettelorden, wurden unverschämt reich und haben sich über die ganze Welt ausgebreitet. Bescheidenheit und Demut fordern die Mönche, Verzicht und Respekt die Umweltaktivisten. Die einen wissen genau, wie man Gott, die anderen, wie man der Natur dient und beide warnen vor dem Weltuntergang, nur dass er dort ‚Jüngstes Gericht‘ und hier ‚Klimakatastrophe‘ genannt wird. Beides sind hilflose Versuche durch moralische Appelle und im Namen einer großen Sache, den Menschen zum Besseren zu bekehren.“

„Aber“, widersprach K.s junger Begleiter, „wir müssen doch etwas tun.“

„Wenn die Prognosen stimmen, sind all die gut gemeinten Aktivitäten bestenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein, vor allem, wenn die gleichen Leute an anderer, wichtigerer Stelle, auf nichts zu verzichten bereit sind und dankbar der Politik die Verantwortung zuschieben.“

Betreten schwieg der junge Mann, bevor er antwortete: „Dann muss die Politik radikale Maßnahmen einleiten.“

„Vielleicht. Es bleibt dann allerdings zu hoffen, dass das Volk der Politik keinen Strich durch die Rechnung macht“, erwiderte Herr K.

Auch interessant: https://peterk.berlin/2023/05/05/herr-k-und-die-klimaaktivistin/

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3 Antworten auf „Herr K. und die Verantwortung“

Wie wahr. Da ist so viel Heuchelei im Spiel. – Ich beobachte, daß das Pflegepersonal ständig überall unnötig das Licht brennen laßt. Ich ermahne eine der Pflegerinnen, do zu helfen, Strom zu sparen. Antwort:
zu Hause tue ich das natürlich, aber hier ….. Also geht es ihr nicht um die Umwelt, sondern nur um ihre Stromrechnung.

Es ist immer unser Wunsch nach Erlösung, der Diskussionen und Handlungen wie die dargestellten treibt.
Der Vergleich mit den Mönchsorden gefällt mir.

Es sind nicht die letztlich immer hilflosen Gesten, die uns weiterbringen, sondern die Taten, die in einer konkreten Situation die richtigen (sinnvollen) sind.
Brechts Gedicht „Die Teppichweber von Kujan-Bulak ehren Lenin“ kann als ein Beispiel in dem Sinne gesehen werden.

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