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Der alte, weiße Mann und die Hippster

Während der Renovierung unsere Wohnung waren wir im Exil in Berlin Mitte. Wir fühlten uns auf einem anderen Planeten! Selten habe ich mich so alt gefühlt!

Ich bin ein alter, weißer Mann und lebe in Berlin. Berlin gilt international als hippste Stadt der Welt, wobei ich sagen muss, dass wir zwar in Berlin, aber in einem Stadtteil leben, bei dem die Einwohner das Wort ‚hipp‘ nur als Marke für Babynahrung oder aus dem Sprachgebrauch ihren pubertierenden Enkelkindern kennen. Mit anderen Worten: Wir leben in einem wohlsituierten, ruhigen, freundlichen und unaufgeregten Kiez, der mit zwei U-Bahnlinien gesegnet, am Rand der sogenannten Innenstadt liegt, nicht zentral, aber auch nicht am Ursch der Welt.

Weil unsere Wohnung renoviert wird, müssen wir für mehr als drei Wochen ins Exil und finden eine Bleibe in Mitte. Ich rede nicht vom Bezirk Mitte, wo es in Moabit, Wedding oder Tiergarten ähnlich verschnarchte Stadtteile gibt, wie den unsrigen. Nein, ich rede von richtig Mitte, Mitten in Mitte sozusagen. Rosenthaler Platz. Mehr Mitte geht nicht.

Nach drei Wochen Aufenthalt kann ich jetzt erklären, was ‚hipp‘ bedeutet.

Fangen wir mit dem Positiven an. Es ist wunderbar morgens aus dem Haus zu gehen und direkt ins nächste Café zu fallen, wo einem ein exzellenter Cappuccino zubereitet wird. Zwar steht man sich bei der Bestellung gelegentlich die Beine in den Bauch, weil zwei Hippster vor einem darüber beraten müssen, ob sie den Cappuccino lieber mit Mandel- oder mit Hafermilch trinken wollen und ob die angebotenen Croissants ohne Butter zubereitet sind und sie die tatsächlich essen dürfen, aber das liegt wahrscheinlich daran, dass ich ein alter weißer Mann bin und die altmodische Vorstellung habe, dass einem der Kaffee am Tisch serviert wird. Als Entschädigung für die lange Wartezeit wird man mit dem Anblick vieler junger, attraktiver Menschen belohnt und ich meine das überhaupt nicht sexistisch, es ist nur so ein krasser Gegensatz zu unserem Kiez und zudem ist es außerdem beruhigend, wenn ich an meine zukünftige Rente denke.

Nachdem ich also lange stehend auf die Bestellung und Zubereitung des Kaffees gewartet habe und mir ein Kopfschütteln einhandelte, weil ich um Zucker für den Kaffee gebeten habe, macht es Spaß dort zu sitzen und das blühende Leben an sich vorbeiziehen zu lassen. Es ist besser als jedes Fernsehprogramm. Man sieht schöne Menschen und weniger schöne, dicke und dünne, große und kleine, gepflegte und ungepflegte, aber alle, ausnahmslos alle strotzen vor Selbstbewusstsein. Sie sind sich sicher, dass ihnen die Zukunft gehört. Sie strahlen ungeheure Kraft und Energie aus und wollen die Welt verändern. Das die Veränderung vermutlich anders ausgehen wird, als sie heute erwarten, ist eine Erfahrung, die ich als alter, weißer Mann schon hinter mir habe.

Nach einer Weile stehe ich auf, schlendere durch die Straßen und komme aus dem Staunen nicht heraus. Ich wusste gar nicht, was es alles für ‚hippe‘ Sachen gibt. Ein schicker Laden reiht sich an den Nächsten. Feinste Modegeschäfte findet sich neben Galerien, Einrichtungsaccessoires findet man neben dem Hutgeschäft und der Laden für Sneakers (althochdeutsch: Turnschuh) liegt neben dem Laden der teuren Billigschnickschnack verkauft.

Apropos Sneaker, in einem solchen Geschäft erfahre ich Dinge über Turnschuhe, die ich bis dahin nicht wusste. Ich habe den jungen Verkäufer offen gesagt, nicht wirklich verstanden als er mit den vielen Fremdwörtern um sich warf, ich habe aber gelernt, dass ein Turnschuh nicht zum Laufen gedacht ist, sondern als Kapitalanlage. Im Ernst! Er erklärt, dass manche Schuhe schon nach kurze Zeit im Internet zu weitaus höheren Preisen gehandelt werden. Wichtig sei aber, dass die Schuhe nicht getragen sind und dass der Karton, sowie das Einwickelpapier(!) unbeschädigt sei. Das erinnert irgendwie an die Tulpenzwiebelkrise im 17. Jahrhundert. Wie dem auch sei, dieses Mal ist sicher alles anders, denn dann verrät der Verkäufer mir ein Geheimnis. Er klingt dabei so, wie früher in der DDR, wenn die Verkäufer ‚Bückware‘ aus dem Versteck hervorholten und hinter vorgehaltener Hand flüsterten: ‘Ich habe hier noch etwas Besonderes für Sie.‘ Das Besondere in diesem Fall: ein Turnschuh, von dem jeder Laden nur 15 Exemplare bekommt. Ganz exklusiv und streng limitiert. „Der steigt im Wert sicher sehr bald“, meint er.

Tatsächlich gefällt mir der Schuh gut und trägt sich auch ein wenig besser, als die gewöhnlichen, unlimitierten Sneaker, also entscheide ich mich für den Kauf. Als ich meine, ich würde die Schuhe direkt anlassen und er solle die alten einpacken, bekommt er einen entsetzten Gesichtsausdruck und stottert: „Aber draußen regnet es!“

Bei mir stellt sich ein Gefühl ein, als wäre ich als alter weißer Mann auf der Mädchentoilette eines Gymnasiums erwischt worden, entschuldige mich beschämt und lasse mir die neuen Schuhe einpacken.

Ich laufe weiter und mir fällt ein, dass ich noch ein paar Lebensmittel brauche. Naiv, wie ich bin, denke ich, dass sicher gleich ein Lebensmittelgeschäft auftauchen wird. Nachdem ich aber mehrere gefühlte Kilometer später immer noch keines gefunden hatte, frage ich eine einheimische Passantin. Sie erklärt mir, dass es da einen Rewe am Hackeschen Markt gebe. Ich laufe und laufe und finde ihn nicht, weil er nicht am Hackeschen Markt, sondern auf der anderen Seite der S-Bahn liegt, was nicht mehr Hackescher Markt ist. Aber gut.

Der Laden ist gedrängt voll und überraschend klein. Vermutlich brauchen die vielen jungen Leute, die hier wohnen, keine Lebensmittel einkaufen, denn es gibt wirklich massenweise Restaurants und Cafés, wobei sich manchem vielleicht die Frage stellt, wie sich die jungen Leute während des Corona-Lockdowns ernährt haben. Die Antwort ist einfach und fällt in Berlins Mitte-Mitte sofort ins Auge. Es gibt unendlich viele Fahrradboten für Essen auf Rädern. Gelegentlich stehen diese Boten von Wolt oder Lieferando oder Uber-Eats Schlange vor den Restaurants und auffallend ist, dass es sich beim größten Teil diesen Boten um Geflüchtete zu handeln scheint. Ich bewundere den Fleiß und die Energie dieser Menschen, die von einem besseren Leben träumen und die den vielen jungen, hippen Essensbestellern das Leben bequem machen, aber es riecht für meinen Geschmack unglaublich nach Ausbeutung. Vielleicht sollte man darauf mal aufmerksam machen.

Die Fahrräder der vermuteten Essensboten sind übrigens meistens Swapfiets, das sind Fährräder mit blauen Vorderreifen. Die sieht man massenhaft in Mitte-Mitte. Man kauft sich heute kein Fahrrad mehr wie ….sie wissen schon….sondern mietet es sich. Also nicht stundenweise, wie ich das auch gelegentlich mache, sondern monatsweise oder für ein Jahr. Wenn das Fahrrad einen Platten hat oder gestohlen wird, dann bekommt man noch am selben Tag ein anderes identisches Fahrrad in die Hand gedrückt. Praktisch. Besitz ist einfach lästig, außer bei Klamotten natürlich, die braucht man schließlich für Abends.

Abends ist es am Schönsten in Berlins Mitte-Mitte. Am Rosenthaler Platz endet unter anderem der Weinbergweg, die Verlängerung der berühmten Kastanienallee und das ist, man kann es nicht anders sagen, ein Laufsteg der Eitelkeiten.

Alle sind aufgebrezelt. Junge Männer tragen Jogginghosen, zerrissene oder unzerrissene Jeans, bonbonfarbene Anzüge oder Wickelröcke. Viele tragen das, was sie für einen Vollbart halten.

Frauen tragen Kleider, Röcke, Hosen, sind mehr oder weniger geschminkt und tragen auffallend wenig Schmuck, weil der, bei soviel Attraktivität der Person, nicht nötig ist. Jeder Zweite ist tätowiert, womit auch die Frauen gemeint sind, aber die gendergerechte Form von ‚jeder‘ ist mir nicht bekannt. Aus der Masse der Tattoos auf Armen, Beinen, Rücken, Schultern oder zunehmend auch Händen, Hälsen und Gesichtern ragt ein Exemplar besonders hervor: ein kahlrasierter, junger Mann hat sich, vielleicht in weiser Voraussicht, eine einzelne Haarsträhne auf den vorderen Kopfteil tätowieren lassen. Noch wirkt das witzig.

Vor zirka dreißig Jahren hat diese Tattoo-Epidemie begonnen, hat sich immer weiter ausgebreitet und ist zu mehr und mehr Scheußlichkeit mutiert. Insofern hat es Ähnlichkeit mit dem Corona Virus, nur dass es dagegen keine Impfung gibt und wenn es sie gäbe, ist es die Frage ob die Stiko eine Impfung für unter 20 Jährige empfehlen würde. Gut, ich will mich nicht dauernd wiederholen, aber hoffe trotzdem, dass diese Mode, wie jede andere Mode eines Tages verschwinden wird.

Wir suchen ein Restaurant, fragen nach einem Tisch und unsere Frage wird uns selbstverständlich auf Englisch beantwortet. Immerhin hat die Kellnerin die deutsch gestellte Frage verstanden! Gut, dass wir, vice versa, des Englischen einigermaßen mächtig sind, so dass wir uns setzen und das Treiben beobachten können. Neben uns sitzt ein junges Pärchen im Krisenmodus. Sie weint. Hinter uns zwei attraktive junge Frauen, die sich über vegane Ernährung unterhalten und nach kurzer Zeit mit zwei jungen Männern am Nachbartisch ins Gespräch kommen. Ein paar Tische weiter sitzt eine italienische Touristenfamilie, die das Leben auf Berlins Straßen bestaunen, wie wir, wenn wir Abends auf einer italienischen Piazza sitzen. Vor uns radelt alle 30 Sekunden ein Wolt oder Lieferandobote vorbei und das geht stundenlang so. Nach zwei Stunden sind wir erschöpft und gehen zu unserer Schlafstätte. In unserem Alter wird man gegen 23 Uhr müde, während das Publikum hier gerade erst aufwacht. Es ist Wochenende, kein Wunder. Wir schlafen ein. Um halb zwei werden wir von lauter Partymusik wach. Da alle Clubs geschlossen sind, hat man die Party kurzerhand ins Hinterhaus verlegt. Die Musik ist so laut, dass wir uns entschließen aufzustehen und durch die Stadt zu laufen. Es ist immer noch voll auf den Straßen, überall wird Bier getrunken. Flaschenscherben knirschen unter unseren Füßen. Ein Betrunkener läuft laut grölend an uns vorbei, er schafft es locker die vollbesetzte, vorbeifahrende Straßenbahn zu übertönen. Ein Flaschensammler macht um diese Uhrzeit das Geschäft seines Lebens, er hat sich einen großen Einkaufswagen organisiert und sammelt hunderte von leeren, liegengebliebenen Pfandflaschen ein. Als wir um vier Uhr zu unserer Schlafstätte zurückkehren, steht ein Mann im Hauseingang und pinkelt, irgendwo muss das Bier schließlich hin.

Die Musik hat aufgehört. Wir können schlafen.

Wir freuen uns darauf, wieder in unseren spießigen Kiez zurückzukehren, den mit lauter alten …. Ach, sie wissen schon.

4 Antworten auf „Der alte, weiße Mann und die Hippster“

Hallo lieber Peter, der tägliche Wahnsinn hier ist sehr schön geschrieben und ich fühle mit dir – auch wenn ich eine „alte weiße Frau“ bin 🙂

After Brexit, Berlin, with 3.6 million population, is now the largest city in the EU. Only Moscow and London are more populace in Europe. Statistics from the State of Brandenburg in which Berlin is situated report that the registered population of the district of Berlin-Mitte was just over 100,000 at the start of Covid, with a relatively high population density of just under 10,000 per square km. The annual population increase in the years 2016-2019 was 2.5%; the breakdown between German and non-German stood at 65-35%; the male/female representation was nearly equal, and the population of this city quarter was especially vital to the city’s economy, being more than 65% in the age group 18 to 64. Even for Berlin that is a high concentration of young adults. It would be interesting to know what the real estate prices are per square meter, and how much of the quarter is owner-occupied. But, on the whole, it is clear that Berlin-Mitte is a boom area of the reunited Berlin, full of youthful energy and cosmopolitan flare.

Ein schöner Bericht, der gut auch mein eigenes Empfinden über die heutige Zeit als „alter“ Mann wiedergibt.

Hallo lieber Peter,
ein spannender und humorvoller Bericht, ich habe mich köstlich amüsiert. Dich sollte man öfer mal für ein paar Wochen in einen anderen Bezirk umsiedeln , dann würden wir alle Berlin noch besser kennen lernen. Danke für die schöne Geschichte!!! LG

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