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Herr K. und die Demokratie

Eines Tages ging Herr K. in eine Eckkneipe, trat an die Theke und bestellte ein Bier. Der Gast neben ihm verwickelte ihn in ein Gespräch und kam nach kurzer Zeit auf die Politik zu sprechen. Für gewöhnlich vermied Herr K. politische Gespräche, aber er wollte nicht unhöflich sein. Der Mann schimpfte wie ein Rohrspatz über Politiker, die dumm seien, keine Ahnung hätten und sich nicht trauen würden, einmal hart durchzugreifen. „Das Schlimmste aber ist“, so seine Worte, „dass es ihnen immer nur um ihre eigene Macht geht.“

An dieser Stelle holte Herr K. tief Luft, um zu signalisieren, dass er etwa sagen wolle. Der Redner, wohl auf Zustimmung hoffend, machte eine erwartungsvolle Pause, worauf Herr K. sagte: „Macht ist und war immer verführerisch, genau aus diesem Grund wurde die Demokratie erfunden.“

P.S. Vielleicht fällt Euch jemand ein, dem diese Geschichte auch gefallen würde. Dann schreibt dem- oder derjenigen doch eine kurze Mail mit dem Link.
Danke! Euer Peter K.

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Herr K. und die Angst

Herr K. traf eine Freundin, die einen bedrückten Eindruck machte. Auf die Frage, was los sei, erzählte sie, dass die Arbeit in der Klinik sie sehr belastet. Es gäbe nicht genügend Personal, daher müsse sie mehr als 60 Stunden die Woche arbeiten. Dazu kämen Rufbereitschaften als leitende Oberärztin, die dazu führten, dass sie sich am Wochenende nicht erholen könne. Das Privatleben würde unter dieser Situation zunehmend leiden. Manchmal sei sie verzweifelt.

Auf die Frage von Herrn K. warum sie sich nicht eine andere Arbeit suche, meinte sie: „Davor habe ich Angst.“

Herr K. schwieg eine Weile nachdenklich und entgegnete dann:
„Wo die Angst ist, ist die Tür.“

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Eine merkwürdige Begebenheit

Sie hat einen Mann aus Albanien geheiratet.
War das eine Aufregung! Schockierte Eltern.
Albaner? Verbrecher!
Heute ist das anders. Es ist der liebste Schwiegersohn.
Sie hat albanisch gelernt. Bei den Schwiegereltern. Auf dem Dorf. In Albanien.
Bitterste Armut.
Der Sohn und seine Frau haben ein schönes Haus.
In Deutschland.

Die Schwiegereltern kommen zu Besuch.
Während des Frühstücks, nimmt der Schwiegervater Kaffeetasse und Stuhl und setzt sich vor die Haustür.
Sie wundert sich. Sie fragt: „Vater, was machst Du da?“
Er: „Ich warte auf die Müllabfuhr.“
Sie, verwirrt: „Warum wartest Du auf die Müllabfuhr?“
Er: „Du hast gesagt, dass um 10 Uhr die Müllabfuhr kommt, und ich will wissen, ob das wahr ist.“

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Sonnenuntergang

 Gestern waren wir eingeladen 
 Auf einem privaten Empfang.
 Allerbeste Lage.
 Ein riesiges Wohnzimmer,
 feinste Designermöbel. 
 Am Fenster ein Steinway,
 ein Kandinsky an der Wand.
  
 Grüppchen verteilen sich im Raum
 man unterhält sich gepflegt. 
 Alles feine Leute. 
 Gebildet. 
 Klug. 
 Freundlich. 
 Eine angenehme Gesellschaft. 
  
 Auf silbernen Tabletts
 werden Häppchen gereicht.
 Delikat.
 Man lobt den Champagner.
 Diese Frische!
 Dieses Bouquet!
  
 Vor dem Fenster inszeniert die Sonne ihren Untergang. 
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Geschlossene Gesellschaft

 Neulich war ich auf einer Party. 
 Der 50. Geburtstag eines Freundes.
 Ein netter Mann,
 ein schöner Platz.
 Blick über Rhein, Dom und Hohenzollernbrücke.
 Geschlossene Gesellschaft. 
 Kultivierter Jazz, köstliches Essen und guter Wein. 
 Nette Gespräche, neue Eindrücke und alte Bekannte.
 Vor der Fensterfront des Raumes liegen,
 zwei Glaszentimeter entfernt,
 zwei Stadtstreicher. 
 Trinken schlechten Schnaps im Schlafsack.
 Dann schlafen sie ruhig. 
 Bewacht von der zwei Zentimeter entfernten, 
 geschlossenen Gesellschaft. 

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Nuri lächelt

Caroline Parker: Cold Dark Matter
Caroliney76, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Nuri erzählt seine Geschichte. Es sind Fragmente, die wie einzelne Teile eines explodierenden Gartenschuppens aus seinem Mund schießen. Es ist eine unfertige Erzählung, denn seine Scham verwischt die Details, seine Angst bedrängt die Worte, sein Schmerz macht Sprünge.

Er lächelt. Die ganze Zeit lächelt er. Die Worte müssen heraus, trotz der Angst, trotz der Scham, trotz des Schmerzes.

Lächelnd.

Der Zeuge dieser Erinnerungsexplosion lauscht betroffen und die Erinnerungsfetzen treffen ihn wie Schrapnelle, die er zusammensetzen muss. Aus den Trümmerstücken der Explosion, aus den Fragmenten muss er den Gartenschuppen zusammensetzen, der dem Ursprünglichen ähnelt.

Caroline Parker: Cold Dark Matter
Caroliney76, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

“Ich habe kaum jemanden davon erzählt, niemand weiß das alles“, sagt Nuri zum Schluss, als er lächelnd ein wenig von seiner Last auf seinem Gegenüber abgeladen hat. Der Zuhörer nimmt die Last an, trägt sie mit sich, wissend, dass seine Erleichterung nur vorübergehend sein wird. Es ist bloß der Sisyphosmoment, der Augenblick, in dem sich der Stein löst und wieder nach unten rollt. „Ich bin so dankbar, hier in Deutschland zu sein, hier sind so viele gute Menschen. Dieses Land ist ein großartiges Land.“ Er ist 25 Jahre alt. Er ist vor drei Jahren nach Deutschland gekommen. Aus Afghanistan. Aus Kabul. Dort hat er studiert. Dann ist er geflüchtet. Nach Deutschland. Mit dem Flugzeug. Sein Deutsch ist fließend, aber den Sätzen fehlt die Geschmeidigkeit, es fehlen die Feinheiten einer Muttersprache. So klingt seine Erzählung härter, brutaler als er vielleicht beabsichtigt. Sein Land hat er verlassen, seine Mutter, seinen Vater. Er hat den Boden unter den Füßen verloren, der Vater will ihn nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen. Die Mutter ebenso. Nur zur Schwester hat er noch Kontakt. Der Zeuge, wohlwissend, dass Familie, der Vater, die Mutter dort so viel wichtiger sind als hier, fragt nach dem Warum.

„Ich habe Arabisch gelernt. Ich wollte den Koran lesen und es stimmt nicht, was sie sagen, sie lügen. Es steht nicht im Koran, da steht etwas anderes. Mein Vater ist strenggläubig.“

Der Zuhörer weiß, im Islam gilt der Koran als Gottes Wort und da Gott Mohammed die Worte auf Arabisch gesagt hat, darf der Koran nur auf Arabisch gelesen werden. Viele, die meisten gläubigen Moslems anderer Zunge beten ein unverständliches Mantra. Sie sprechen die Worte, ohne zu verstehen und glauben den erklärenden Worten der Prediger. Der junge Mann aber, der da lächelnd vor ihm sitzt, hat sich nicht damit abgefunden, das zu glauben was Vater und Prediger sagen, sondern hat sich aufgemacht zu prüfen und kommt zu anderen Ergebnissen. „Sie lügen“, wiederholt er auf einmal ernst.

Ob er an Gott glaube, will der Gegenübersitzende wissen. „Ja, ich glaube an Gott, aber Gott ist mehr, als im Koran steht. Auf WhatsApp“, so setzt er fort „hat mich mein Vater gesperrt und meine Mutter…..“, er schweigt kurz „… denkt, sie ist nichts ohne ihn. Meine Schwester, mit ihr habe ich Kontakt. Sie ist klug, geht zur Schule, macht bald Abitur.“

Plötzlich ist Kabul für den Zuhörer ganz nah, nicht mehr 7000 Kilometer entfernt. Da ist ein Mädchen, klug, vielleicht ebenso gut aussehend wie Nuri, sie hört von seinem Wunderland, während sie in ihrer Burka durch die staubigen Straßen Kabuls zur Schule geht.

Nuri geht auch zur Schule. Er will das deutsche Abitur machen. Auf dem zweiten Bildungsweg. „In Kabul habe ich studiert und an der Universität gearbeitet. Auch in Deutschland habe ich schon gearbeitet und erst dort durch Zufall gehört, dass ich das deutsche Abitur nachmachen kann.“

So haben sie sich kennengelernt. Der Zuhörer und sein Nachhilfeschüler. Sie lernen Deutsch zusammen. Es ist Nuris größtes Problem auf dem Weg zum Abitur: Texte verstehen, kleine und große Geschichten. Es fehlen nicht nur die Wörter oder die Grammatik, es fehlt der ganze kulturelle Hintergrund, das Wissen um Begebenheiten, um Geschichte und Geschichten, es fehlt ihm das kollektive Gedächtnis über Ereignisse, die durch Eltern und Großeltern, durch Bücher, Radio und Fernsehen in unsere Seele eingesickert sind und sich aufgeladen haben mit Emotionen. Nichts davon ist ihm vertraut.

Wenn wir vom Holocaust reden, dann reden wir über ein Trauma, ein Entsetzen, einen jahrzehntelangen Prozess der Aufklärung und der Wiedergutmachung. Wir denken an den Kniefall von Willy Brandt in Warschau, wir denken an Auschwitz und Treblinka und Dachau und Buchenwald. Wir sehen Bilder vor uns, können erzählen und berichten. Wir kennen Geschichten von Niedertracht und Größe.

Und Nuri? Er lernt die Zahlen und Daten und Fakten und erschrickt vielleicht über das, was in diesem großartigen Land einmal möglich war, aber es ist eine abstrakte Welt. Es sind keine Emotionen, seine Emotionen sind in der Heimat. In Afghanistan.

„Dreimal bin ich davongekommen“, sagt er. „Einmal war ich nicht in der Universität, als die Taliban mit Raketen angriffen. Viele Tote. Das andere Mal haben sie die Universität überfallen und dabei viele Geiseln umgebracht. Ich war nicht da, zufällig.“

Er lächelt.

„Das dritte Mal war anders. Ich habe gearbeitet, ich habe viel Geld verdient. Man muss es immer bei sich führen. Es gibt keinen sicheren Platz. Dann, es war kriminell. Ich bin zur Polizei gegangen. Die ist korrupt. Sie haben mich gefunden und zusammengeschlagen, sie dachten, ich wäre tot.“

Er lächelt.

Der Zuhörende versteht nicht, wagt nicht nachzufragen. Zu fragil die Situation. Der junge Mann hat die Tür einen Spalt breit geöffnet, lächelnd, traurig, zerbrechlich.

„Vor ein paar Wochen habe ich ein Portemonnaie gefunden. Ich habe es zurückgegeben. Der Eigentümer wollte mir Geld geben. Ich habe es nicht gewollt. Und zwei Tage später, wirklich zwei Tage später habe ich dann noch ein IPhone gefunden, sie rief an, ich habe es ihr gebracht, auch ihr Geld habe ich nicht genommen.“

Der Zuhörer versucht Nuri zu erklären, dass er den beiden keinen Gefallen getan hat, als er ihr Geld zurückwies, aber er spürt den Stolz des jungen Mannes.

„Wissen sie“, sagt Nuri „in Kabul, wenn mich einer gefragt hätte, ob ich einen guten Menschen kennen würde, dann wäre mir nur einer eingefallen. Das wäre ich gewesen“, wieder lächelt er und dem Betrachter wird plötzlich klar, dass dies nicht das strahlende Lächeln der Jugend, sondern das verzweifelte Lächeln eines alten Mannes ist.

Als sie das Café verlassen, drückt der Lehrer dem Schüler 50€ in die Hand. Nuri wehrt sich. Irgendwann nimmt er es an.

Er lächelt nicht mehr und verschwindet im U-Bahneingang.

Zurück bleibt der Betroffene mit der Frage: „Stimmt das alles, oder ist es eine verdammt gut erzählte Geschichte?“

Der Zuhörer möchte, dass die Geschichte stimmt, aber wissen tut er es nicht.

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Die Installation Cold Dark Matter von Cornelia Parker zeigt ihren Gartenschuppen im Moment der Explosion.

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Was der Place Stanislas in Nancy über 
Europa erzählt

Nancy steht nicht auf der Liste der Städte, die man besuchen muss. Das hat den Vorteil, dass die Stadt nicht übertouristisiert ist und man auf dem Place Stanislas viele Einheimische findet, die den Platz zum Zentrum der Stadt machen.

Der Platz ist beeindruckend in seiner barocken Perfektion, vollkommen symmetrisch angelegt, ein absolut geschlossenes Bauensemble mit sieben Gebäuden aus einem Guss. Das Ganze ist geschmückt mit einem Triumphbogen, zwei prächtig sprudelnden Brunnen und kunstvollen, gold-schwarzen Gittertoren an den Eingängen. Barock ist in Zeiten der Moderne nicht jedermanns Sache, aber dieser Platz lässt selbst eingefleischte Freunde des Funktionalismus mit ihrer Kritik am Barock verstummen. 

Place Stanislas

Nun kann man sich die völlig unwichtige Frage stellen, warum Nancy einen so schönen Stadtplatz hat, der nach einem gewissen Stanislas benannt ist. Die Antwort darauf ist eine typisch europäische Geschichte und wenn man genau hinschaut und sie auf das Wesentliche reduziert, erklärt sie ein wenig das Europa von heute. Leider wird es erstmal, wie immer in Europa, kompliziert. 

Stanislas (das polnische Stanisław können Franzosen nicht aussprechen) war ein mittelloser polnischer Adeliger des 18. Jahrhunderts, der von mehreren hundert polnischen Adeligen zum König von Polen gewählt worden war. Damals war es in Polen üblich, dass alle Adeligen – und es waren viele – sich nach dem Tod des Königs vor den Toren Warschaus versammelten und einen neuen König wählten. Wie meistens bei solchen Wahlen, war der Bestechung Tür und Tor geöffnet. Die Großmächte Russland, Habsburg und Frankreich versuchten ihre Kandidaten durchzusetzen und wer am meisten bezahlte, gewann. Stanislas wurde gewählt, aber August der Sachse erhielt mehr Stimmen, auch weil die Russen ihn kräftig förderten.

Nach der Versammlung hatte man also zwei polnische Könige, einen von einer Mehrheit und einen von einer Minderheit. Mehrheitsentscheidungen galten damals als überbewertet, sodass die Minderheit nicht in Betracht zog, auf ihren König Stanislas zu verzichten. Wenn man aber Mehrheitsentscheidungen nicht akzeptiert, dann gibt es nur eine Möglichkeit Konflikte zu lösen: Krieg. 

So kam es zum Polnischen Erbfolgekrieg. Stanislas wurde von Frankreich, August von den Habsburgern und Russen unterstützt. Die Interessen der Großmächte kollidierten und die Habsburger kommen ins Spiel. Sie gewannen den Krieg und August wurde König von Polen, Stanislas ging ins Exil und lebte irgendwie, irgendwo vergleichsweise arm. Jetzt stellen Sie sich vielleicht die Frage, ob der Place Stanislas in Nancy, der wichtigsten Stadt in Lothringen, nach diesem verarmten polnischen Beinahe-König ohne Land benannt wurde. Richtig, Stanislas ließ diesen Platz bauen. 

Wie war das möglich?

Ich sagte schon, dass wir einen Sprung ins Habsburgerreich machen müssen. 2011 wurde Otto von Habsburg, ein überzeugter Europäer, der Sohn des letzten österreichischen Kaisers, als letztes Mitglied der Kaiserfamilie in der Wiener Kapuzinergruft beigesetzt. Als der Sarg vor der Kapuzinergruft ankam, klopfte man an die Tür und von innen fragte jemand: „Wer begehrt Einlass?“ Daraufhin verlas der Klopfer die gesamte Titulatur, die folgendermaßen lautete: 

„Seine Kaiserliche und Königliche Apostolische Majestät Otto von Habsburg, von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich, König von Ungarn und Böhmen, von Dalmatien, Kroatien, Slawonien, Galizien, Lodomerien und Illyrien, König von Jerusalem etc, Erzherzog von Österreich; Großherzog von Toskana und Krakau; Herzog von Lothringen ….“ usw. usw.

Doch die Tür wurde nicht geöffnet. Zweimal wurde das wiederholt, beim dritten Mal nannte der Klopfer statt der Titulatur: „Otto, ein sterblicher und sündiger Mensch“. Da öffnete sich die Pforte und Otto kam zu seiner letzten Ruhestätte. Eine hübsche Geschichte, an der uns in unserem Zusammenhang nur ein Detail interessiert: die österreichischen Kaiser waren nämlich auch die Herzöge von Lothringen und das obwohl sie Lothringen nie regierten! 

Wie war das möglich?

Nun, das kam so: Maria Theresia war das einzige Kind von Kaiser Karl VI. aber leider eine Frau. Das bedeutete damals, dass sie nicht Kaiser – oder besser Kaiserin – werden konnte. Also erfand man die „pragmatische Sanktion“, was bedeutete, dass Maria Theresia irgendwie doch Kaiserin werden konnte, Allerdings musste dieses Arrangement von den anderen Großmächten Europas akzeptiert werden. Diese forderten wollten für die Anerkennung irgendetwas anderes haben. Erschwerend kam hinzu, dass Maria Theresia den Herzog Franz III. von Lothringen heiraten wollte. Dem aber gehörte Lothringen, auf das es der französische König abgesehen hatte. 

Maria-Theresia war eine starke Frau und erreichte fast immer das, was sie sich in den Kopf setzte. Die Heirat mit Franz von Lothringen war aber unmöglich, denn Frankreich duldete es keinesfalls, dass durch diese Ehe Lothringen an Habsburg fiel. Wenn man das nicht versteht, muss man sich einfach nur vorstellen, dass es dem französischen Staat einfallen würde, den Volkswagenkonzern oder die Bundesbank zu kaufen. Können Sie sich leicht ausmalen, was dann los wäre! So ungefähr war das mit Habsburg und Lothringen und Frankreich. 

Sie sehen, die Gemengelage war ziemlich kompliziert, jeder wollte was von jedem und irgendwie musste man alle zufriedenstellen. Man könnte versucht sein, an die Europäische Union zu denken, da geht es ähnlich kompliziert zu. Es kommt aber noch besser.

Glücklicherweise hatte Frankreich auch ein Problem. Für den minderjährigen Ludwig Nr. 15 wurde eine Frau gesucht. Alle potenziellen Nachfolger von Ludwig Nr. 14 waren früh gestorben und man hatte Angst, dass der einzige Urenkel (Nr. 15) auch bald sterben würde. Da war es ungeheuer wichtig, dass dieser vorher noch einen Sohn zeugte. Selbstverständlich musste seine Zukünftige königliches Blut in den Adern haben, außerdem, ein nicht unwesentliches Detail, sollte die Familie allerdings nicht mächtig sein, denn sonst hätte diese irgendwann vielleicht Ansprüche auf den französischen Thron erhoben. 

Schwierig.

Auf eine Familie traf all dies zu: die von Stanislas. Der war zwar eigentlich kein König, aber darüber sah man hinweg, denn irgendwie war er doch ein bisschen König, jedenfalls reichte es. Man ließ also bei Stanislas nachfragen, ob denn seine Tochter den französischen Thronfolger heiraten wolle. Natürlich wollte sie, auch wenn sie selbst nicht gefragt wurde. Für Stanislas war das ein Sechser im Lotto plus Superzahl. Von einem Tag auf den anderen bekam er unbegrenzten Kredit, und Kreditwürdigkeit war damals schon wichtiger als Geld, das kennen wir heute von Griechenland und Italien. 

Nun wollte (oder sollte) die Tochter eines Königs mit Titel, aber ohne Königreich den minderjährigen französischen König heiraten. Maria Theresia wollte, obwohl eine Frau, herrschen. Sie brauchte dafür ebenfalls einen machtlosen Mann mit einem glänzenden Titel, damit dieser – wenn auch formal – Kaiser von Maria Theresias Gnaden werden konnte. Auf diese Stellenbeschreibung passte der Herzog von Lothringen, aber Lothringen durfte nicht habsburgisch werden, weil die Franzosen etwas dagegen hatten.

Ein glücklicher Zufall brachte die Quadratur des Kreises, denn erfreulicherweise würde der letzte Medici bald ohne Nachkommen sterben und damit war das Herzogtum Toskana ohne Herrscher. 

Nun ging alles Schlag auf Schlag: Stanislas war zwar zukünftiger Schwiegervater des Königs von Frankreich, aber ein König ohne Land. Das ging natürlich nicht, also musste der Herzog von Lothringen auf Lothringen verzichten, damit man es Stanislas schenken konnte. Er bekam das Land und blieb außerdem König von Polen, obwohl er kein König von Polen war. Nach Stanislas Tod würde seine Tochter, die Frau von Ludwig Nr. 15, Lothringen erben und Lothringen damit direkt der französischen Krone zufallen. Der König von Frankreich schenkte also, seinem Schwiegervater die Mitgift, die die Tochter in die Ehe einbringen würde. Dafür durfte Maria Theresia Franz heiraten, der immerhin den Titel Herzog von Lothringen behielt. Auf Lothringen zu verzichten, war ein schweres Opfer für Franz, der Abschied war tränenreich. Weil der Arme durch den Verlust von Lothringen zwar einen Titel aber fast keinen Besitz mehr hatte, erhielt er als Ausgleich das Herzogtum Toskana, und zwar Titel und Land. 

Puh!

Am Ende waren alle glücklich. Stanislas hatte keine finanziellen Sorgen mehr, baute Nancy zu einer prachtvollen Residenzstadt aus und schuf den wunderbaren Platz, der heute nach ihm benannt ist. Seine Tochter heiratete den französischen Thronfolger. Maria Theresia wurde eine große Kaiserin und bekam 16 Kinder, was für eine glückliche Ehe spricht. 

Sie verstehen nicht? 

Gut, ich will es noch einfacher versuchen: Bei allen politischen Auseinandersetzungen geht es zu allen Zeiten um Geld und Macht und Posten. Im 18. Jahrhundert betrieb man Politik mit Heirat, Bestechung, Land und Titeln. Half das alles nichts, griff man zu den Waffen und brachte sich gegenseitig um. Manchmal, wie in diesem Fall, gab es ein großes Geschacher und Krieg konnte vermieden werden.

Heute haben wir die Europäische Union und wenn man sich das mal genauer ansieht, dann macht die Europäische Union gelegentlich Anleihen an die Kabinettspolitik des 18. Jahrhunderts. Da geht ein Manfred Weber als Sieger aus einer Europawahl hervor und eine Uschi von der Leyen kommt als Kommissionspräsidentin wieder heraus und wenn die deutsche Uschi schon Kommissionspräsidentin wird, dann muss eine Französin EZB Präsidentin erkoren werden, der hohe Kommissar für Außenpolitik ein Südeuropäer, und auch die Osteuropäer müssen berücksichtigt werden usw. usw. Sehr kompliziert, manchmal undurchschaubar. 

Was wäre die Alternative? 

Sollen sich Griechenland oder Italien durch eine kluge Heiratspolitik sanieren, etwa indem sie sich in die deutsche Regierung einheiraten, die dann für die Kreditwürdigkeit des Landes geradesteht? Oder soll der Konflikt zwischen Wallonen und Flamen in Belgien durch eine Hochzeit der beiden Regierungschefs gelöst werden? Könnten wir den Konflikt um Nordstream II nicht mithilfe gewaltiger Bestechungsgelder besänftigen? Soll Ungarn seine herbei interpretierten Gebietsansprüche in Rumänien durch einen Einmarsch seiner Truppen durchsetzen, so wie Russland es mit der Krim gemacht hat? Mit gleichem Recht könnte Italien dann Ansprüche auf die Cote d’Azur, Österreich auf Südtirol, Griechenland auf Nord-Mazedonien und Teile der Türkei, Schweden auf Norwegen und Teile von Polen, Spanien auf Gibraltar und Teile der Niederlande, Dänemark auf Schleswig Holstein, Deutschland auf Schlesien und Ostpreußen, Polen auf Teile von Litauen und der Ukraine erheben. Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Es werden sich überall Gründe finden, um weniger oder noch weniger berechtigte Ansprüche zu erheben. Wie schnell das gehen kann, haben wir in den 90er Jahren auf dem Balkan erlebt. Frieden und Wohlstand lassen sich schnell vernichten, aber nur langsam und mühsam wiederaufbauen. 

Verdient es nicht unseren allerhöchsten Respekt, dass die europäischen Staats- und Regierungschefs nächtelang nach einer Lösung für ein Problem suchen? Zeugt es nicht ungeheurer Größe, wenn dann morgens um vier Uhr eine Lösung auf dem Tisch liegt und plötzlich erhebt irgend ein verschlafener Regierungschef irgendeines kleinen Landes das Wort und sagt „Diesem Vorschlag können wir wegen des Aufstands von Achzehnhundertsoundso niemals zustimmen“ und es bricht kein Krieg aus, sondern nur erschöpftes und verwirrtes Kopfschütteln der anderen? Ist es nicht bewundernswert, dass die ganze Diskussion dann noch einmal von vorne beginnt, bis man morgens um 8 Uhr tatsächlich eine Lösung gefunden hat, dem auch der Regierungschef des kleinen Landes zustimmen kann?

Man kann mit Recht Vieles an Europa beklagen, aber es ist das beste Europa, das wir je hatten und wenn dann etwas so Wunderbares dabei herauskommt, wie der Place Stanislas, dann gibt es überhaupt nichts zu meckern.